Mammografie-Screening im Kanton Bern erreicht nur jede Vierte

Rund 80'000 Briefe gingen im Jahr 2015 an Frauen über 50 im Kanton Bern, um sie zum Mammografie-Screening einzuladen. Nur knapp jede Vierte folgte der Einladung. Grund könnten Zweifel am Nutzen dieses systematischen Vorsorgeprogramms sein.
01.09.2016 08:43

Im Kanton Bern erhalten Frauen über 50 nach einem gradzahligen Geburtstag die Einladung zur Mammografie-Untersuchung per Brief. Dazu gibt es eine Info-Broschüre. Bei drei von vier Frauen landet der Brief allerdings wahrscheinlich als "Werbung" im Abfall. Jedenfalls folgten im ersten Jahr nach Einführung des systematischen Screeningprogramms im Jahr 2014 nur knapp 20'000 aus mehr als 80'000 angeschriebenen Frauen der Einladung.

In den französischsprachigen Kantonen liegt die Teilnahmerate bei über 50 Prozent. Ebenso in St. Gallen. Im Kanton Bern verzeichnet das Programm hingegen nur rund 23 Prozent, wie der medizinische Leiter des Mammografie-Screenings Florian Dammann diese Woche an einem Medienanlass am Inselspital Bern bilanzierte.

Eine gewisse Rolle spiele wahrscheinlich die relativ konservative Kommunikation, vermutete Dammann im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Statt mit einer grossen Kampagne über verschiedene Informationskanäle informiert man die Kandidatinnen für das Mamma-Screening eben nur per Brief.

Nicht auszuschliessen ist auch, dass negative Presse über den zweifelhaften Nutzen des Mammografie-Screenings Frauen davon abhält, das Angebot der Vorsorgeuntersuchung wahrzunehmen. Wie bei jeder medizinischen Untersuchung gibt es beim systematischen Mammografie-Screening Vor- und Nachteile.

Das Swiss Medical Board hielt in einem Bericht Ende 2013 fest, dass einem gewissen Nutzen auch Nachteile wie Überbehandlung, psychische Belastung durch falsch positive Befund und ein ungünstiges Verhältnis von Kosten und Wirksamkeit gegenüberstehen. Das Fachgremium riet daher von einem systematischen Mammografie-Screening ab.

Die Debatte um den zweifelhaften Nutzen des Screenings blieben in der Öffentlichkeit nicht ohne Wirkung. "Wir haben selbst Fälle von Patientinnen, die für die Nachsorge nach einer Brustkrebserkrankung zur Mammografie sollten, die Untersuchung aber ablehnen", sagte Patrizia Sager, Leiterin Senologie am Inselspital. Diesen Hochrisiko-Patientinnen müsse man vermitteln, dass mögliche Zweifel am Nutzen der Vorsorgeuntersuchungen keinesfalls auf die Nachsorge zutreffen.

Die Nützlichkeit des Programms ist indes nicht so zweifelhaft, wie Frauen es in der Öffentlichkeit wahrgenommen haben könnten. "Wir wissen aus internationalen Studien und aus Programmen in Deutschland, dass Brustkarzinome dank des Screenings in früheren Stadien entdeckt werden", sagte Dammann der sda.

Unter den in Deutschland entdeckten Brusttumoren habe sich beispielsweise der Anteil derjenigen in einem Frühstadium dank des Screenings verdoppelt bis verdreifacht, der Anteil erst in einem späten Stadium entdeckter Karzinome entsprechend stark reduziert. Fälle, bei denen bereits auch Lymphknoten befallen waren, gingen sogar auf 20 Prozent runter.

"Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto schonender und wirkungsvoller ist die Behandlung", betonte Dammann. Da sich allerdings nicht vorhersagen lässt, wie sich ein Tumor weiterentwickelt, kann es auch vorkommen, dass Frauen behandelt werden, obwohl der Tumor ihnen zu Lebzeiten keine Beschwerden bereitet hätte. Auf der anderen Seite kann die frühe Behandlung Leben retten.

Ähnliche Erhebungen wie in Deutschland werden für den Kanton Bern allerdings nicht möglich sein. "Das Krebsregister des Kantons Bern ist dafür leider zu jung, es besteht erst seit 2013. Es fehlen die Daten aus einem entsprechend langen Zeitraum davor, um den Effekt der Einführung des Screenings damit zu vergleichen", so Dammann.

Da aber die Diskussion rund um den Nutzen des Mamma-Screenings auch die Frauen in der Romandie erreicht haben dürfte, kann dies nicht der Hauptgrund sein für die im Vergleich geringe Teilnahmerate im Kanton Bern. Wahrscheinlich liege es letztlich an der Kultur: Man sei in der französischsprachigen Schweiz generell offener für derlei Programme, sagte Dammann.

Eine unbekannte Variable sei ausserdem das sogenannte "Graue Screening": Einige Frauen im Kanton Bern lassen ihre Brust lieber regelmässig beim Frauenarzt oder der Frauenärztin untersuchen als in einem offiziellen Mammografie-Zentrum. "Das enge Verhältnis zur eigenen Gynäkologin oder dem eigenen Gynäkologen ist hier stark etabliert."

Über die Effizienz dieser Vorsorgeuntersuchungen ausserhalb des systematischen Screening-Programms gebe es allerdings keine Daten. Und auch keine Qualitätssicherung in dem Masse wie bei dem offiziellen Programm.

Demnächst geht das Brustkrebs-Screening im Kanton Bern "in die zweite Runde": Da Frauen über 50 alle zwei Jahre zur Untersuchung eingeladen werden, erhalten ab Ende des Jahres viele zum zweiten Mal die Einladung - wieder jeweils nach einem gradzahligen Geburtstag. Und wieder nur per Brief - eine grössere Informationskampagne, um die Teilnahmerate zu erhöhen, sei nicht vorgesehen, so Dammann.

(SDA)