In Mexiko nehmen die Überlebenschancen von Verschütteten rasant ab

Trotz ihrer Erschöpfung haben die Bergungsteams in Mexiko am Freitag ihr Rennen gegen die Uhr fortgesetzt: Punkt 13.14 Uhr Ortszeit enden die 72 Stunden, in denen Verschüttete in der Regel noch Überlebenschancen haben.
22.09.2017 16:33

In der schwer getroffenen Stadt Mexiko-City sorgten Gerüchte für Aufregung, dass schon bald die Räumung der eingestürzten Gebäude mit schwerem Gerät beginnen könnte. Angehörige von Vermissten baten die Retter, die 72-stündige "Frist" zu ignorieren und verteilten Flugblätter mit der Aufforderung "Keine schweren Maschinen".

Angesichts von zahlreichen Vermissten in Mexiko-Stadt hofften die Menschen auf ein Wunder - obwohl Bergungskräfte und freiwillige Helfer immer mehr Leichen aus den Trümmern bargen. Die Zahl der Todesopfer stieg laut Katastrophenschutz auf 286, davon allein 148 in der Hauptstadt Mexiko-Stadt.

Präsident Enrique Peña Nieto wandte sich schliesslich ausdrücklich gegen "falsche Gerüchte", wonach die Bergungsarbeiten bald eingestellt und die Räumungsarbeiten beginnen sollten. Die Suche nach Vermissten gehe weiter, sagte er. In Mexiko-Stadt konnten bisher rund 50 Menschen aus Trümmern eingestürzter Gebäude gerettet werden.

Kleine und grosse Erfolge trieben die Retter immer wieder zu neuen Anstrengungen an: In den Trümmern eines eingestürzten siebenstöckigen Bürogebäudes von Roma, dem beliebten Ausgehviertel im Zentrum der Hauptstadt, konnten sie 28 Menschen lebend bergen.

Nun suchen sie nach 23 weiteren möglichen Überlebenden - einem von ihnen war es gelungen, per Videoanruf Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Im Norden der Hauptstadt wurden ein Mann und eine 90-jährige Frau lebend aus dem Schutt gerettet.

Auch in den Trümmern der beim Beben am Dienstag fast komplett eingestürzten Enrique-Rebsamen-Schule ging die Suche weiter. Möglicherweise befinde sich noch ein Erwachsener lebend unter den Trümmern, teilte Marineminister Ángel Sarmiento vor Ort mit.

Einen herben Schlag erlitten die Rettungskräfte bei der Suche nach "Frida Sofía". Millionen Menschen haben um die Rettung des angeblich in der eingestürzten Schule verschütteten Mädchens gebangt. Immer wieder war bei Helfern von dem zwölf Jahre alten Mädchen die Rede, das noch am leben sei. Mexikanische TV-Sender hatten laufend darüber berichtet, Rettungskräfte und Marine-Soldaten wurden interviewt.

Die Geschichte verselbstständigte sich. "Frida Sofía" wurde zum Symbol der Hoffnung, noch Überlebende in den Trümmerbergen zu finden. Doch das dort vermutete Kind hat es nie gegeben, wie der Vizechef der Marine, Admiral Ángel Enrique Sarmiento, sagte. "Wir haben eine Zählung zusammen mit der Direktion der Schule gemacht und haben Gewissheit", sagte Sarmiento.

Aus dem Schulgebäude konnten elf Kinder gerettet werden, für 19 Schüler und mindestens sechs Lehrer aber kam jede Rettung zu spät.

Das Beben hatte neben Mexiko-Staat besonders die Bundesstaaten Morelos und Puebla getroffen, Hunderte Gebäude wurden beschädigt. Die Rettungsarbeiten waren ein Wettlauf gegen die Zeit - aber auch ein eindrucksvolles Beispiel gelebter Solidarität.

Zehntausende Mexikaner packten mit an, halfen beim Wegkarren von Schuttbergen, spendeten Kleidung, Essen, Medikamente und Trinkwasser. Zum Symbol wurde die erhobene Faust von Rettern - ein Zeichen an Hausruinen, absolut still zu sein, damit mögliche Klopfzeichen nicht überhört werden.

Allein in Mexiko-Stadt stürzten rund 40 Gebäude ein, tausende Wohnungen wurden beschädigt. Die meisten der Bewohner leben zur Zeit in Notunterkünften, bei Familien, Freunden oder auf der Strasse. Viele wissen noch nicht, was die Zukunft für sie bringen wird: Obwohl die Erde in Mexiko häufig bebt, sind nur fünf Prozent der Wohnungen versichert.

(SDA)