Miroslav Tichý in der Photobastei in Zürich

Die Photobastei in Zürich widmet dem tschechischen Fotografen Miroslav Tichý (1926-2011) eine Ausstellung mit 140 Werken. Sie dauert vom 15. September bis 5. November.
14.09.2017 10:12

Miroslav Tichý war ein zurückgezogen lebender Aussenseiter, der sich als "Prophet des Zerfalls" und als "Pionier des Chaos" verstand. Im Zentrum seines fotografischen Schaffens, das zwischen 1955 und 1985 entstand, stehen Frauen aus seiner unmittelbaren Umgebung, fast ausnahmslos in Schnappschüssen festgehalten.

Mit selber gebastelten Kameras, zusammengesetzt aus alten Brillengläsern, WC-Papierrollen, Zigarrenkisten, Fadenspulen, Klebeband und anderem Tand, schoss Tichý seine Bilder aus dem Stand. Da gibt es keine posierenden Dorfschönheiten, keine Porträts mit Blick in die Kamera, dafür Torsi, Ausschnitte und viele ungewohnte Rückenansichten von Halbakten.

Die häufig mit Nachzeichnungen grafisch überarbeiteten, zerkratzten und unscharfen Fotos mit Art-Brut-Charakter zeugen von einem obsessiven Voyeurismus. Tichýs spezielle Sicht auf die nie inszenierte, sondern heimlich betrachtete und begehrte Frau wird durch das Fotografieren mit Kameras ohne Sucher geprägt.

Von handgeschnittenen Karton-Passepartouts umrahmt, strömen die oft fleckigen, durch Nachlässigkeit verschmutzten Fotos eine morbide Poesie aus. Tichý vereinigt in seinen Aufnahmen erotische Spannung mit gedämpfter Stimmung und distanzierender Stille. Täglich soll er an die hundert solcher Fotos gemacht haben.

Die Exponate in der Photobastei kommen grösstenteils aus der Sammlung Leah & Nikolai Kalischek. Kuratiert wird die Ausstellung vom Künstler Adi Hoesle.

(SDA)