Moskau schliesst nach Flugzeugabsturz Terroranschlag nicht aus

Nach dem Absturz eines russischen Militärflugzeugs über dem Schwarzen Meer schliesst Moskau einen Terroranschlag nicht aus. Es habe zwar keine Explosion an Bord gegeben, ein Anschlag durch Manipulation sei aber denkbar.
29.12.2016 13:47

Der Absturz vom Sonntag sei durch ein "abnormales Funktionieren" der Maschine verursacht worden, sagte der Chef der Flugsicherheit der russischen Luftwaffe, Sergej Bainetow, am Donnerstag unter Berufung auf erste Auswertungen der Flugschreiber. Es habe "mit Sicherheit" keine Explosion an Bord gegeben.

"Aber ein Terrorakt ist nicht zwangsläufig eine Explosion, also schliessen wir diese Version nicht aus", fügte Bainetow vor Journalisten hinzu. Ein Anschlag könne auch durch einen mechanischen Eingriff verübt werden.

Die Unglücksmaschine sei von einem erfahrenen Piloten mit 4000 Flugstunden gesteuert worden. "Alles lief eher normal, aber eine Äusserung des Kommandanten (...) legt nahe, dass sich eine abnormale Situation zu entwickeln begann", sagte Bainetow. Der gesamte Flug sei nur 70 Sekunden lang gewesen, die "abnormale" Situation zehn Sekunden.

Auch Verkehrsminister Maxim Sokolow sprach in Moskau von einer Anomalie bei der Flugzeugtechnik. "Experten müssen die Gründe klären und deshalb wurde eine Sonderkommission gebildet", fügte der Minister zu.

Bis zu einem Ergebnis werde die Nutzung aller Maschinen vom Typ Tupolew Tu-154 ausgesetzt, zu denen auch das abgestürzte Flugzeug gehörte, sagte Sokolow. Er kündigte an, erste Ergebnisse zur Absturzursache würden im Januar veröffentlicht.

Der Inlandsgeheimdienst FSB hatte kurz nach dem Absturz vom Sonntag erklärt, für die These eines Anschlags spreche derzeit nichts. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf vier Möglichkeiten: ein Pilotenfehler, ein technischer Defekt, schlechter Treibstoff oder ein Fremdobjekt im Triebwerk.

Am Dienstag und Mittwoch wurden der Flugdatenschreiber und der Stimmenrekorder der Maschine gefunden. Der private Fernsehsender Life veröffentlichte am Mittwoch einen panischen Wortwechsel, bei dem es sich um die letzten Äusserungen der beiden Piloten der russischen Unglücksmaschine handeln soll. Einer von ihnen rief demnach "die Flügelklappen, Scheisse". Die letzten Worte, die aufgezeichnet wurden, waren dem Bericht zufolge: "Captain, wir fallen."

Bei dem Flugzeugabsturz kamen mutmasslich alle 92 Insassen ums Leben. Die Maschine war auf dem Weg von Sotschi nach Syrien ins Schwarze Meer gestürzt. An Bord waren zahlreiche Mitglieder des Alexandrow-Ensembles, eines berühmten Armeechors, der bei den Neujahrsfeiern auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien auftreten sollte. Russland unterstützt die Regierung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad seit September 2015 auch durch Luftangriffe im Bürgerkrieg.

Die gross angelegte Suche nach den Opfern und den Wrackteilen der Maschine, an der sich mehr als 3500 Einsatzkräfte beteiligten, war am Donnerstag weitgehend abgeschlossen. Die "Hauptphase" des Sucheinsatzes im Schwarzen Meer sei vorbei, teilten die Behörden mit.

"Die Absturzzone wurde vollständig abgesucht", sagte Sokolow. Dabei seien 19 Leichen, 230 Leichenteile, 13 grosse Flugzeugteile und knapp 2000 Flugzeugfragmente geborgen worden. Die Militärmaschine sei durch den Aufprall auf dem Schwarzen Meer "praktisch vollständig zerlegt" worden.

(SDA)