Nach 77 Abstimmungssonntagen ist für Claude Longchamp Schluss

Der Mann mit der Fliege verschwindet aus dem Fokus der TV-Kameras: Meinungsforscher Claude Longchamp hatte anlässlich des Urnengangs über das Energiegesetz seinen letzten Auftritt beim Schweizer Fernsehen (SRF) an einem Abstimmungssonntag.
21.05.2017 18:53

Um exakt 16.06 Uhr verschwand Longchamp vorerst ohne Abschiedsworte hinter die Kulissen des Abstimmungsstudios. Um 18.45 Uhr hatte er dann seinen allerletzten Auftritt. Befragt von Urs Leuthard zog er noch einmal Bilanz über seine Tätigkeit, sprach über Höhepunkte und Tiefpunkte sowie über die schönen und eher unschönen Seiten seiner Arbeit für SRF. Und als letzte Amtshandlung durfte Longchamp einen Blumenstrauss in Empfang nehmen.

Für Analytiker Longchamp ist nach 25 Jahren und insgesamt 77 Abstimmungssonntagen Schluss, wie er selbst via Twitter vermeldete. Der Sechzigjährige hatte vor rund einem Jahr sein Forschungsinstitut gfs.bern an zwei Mitarbeiter verkauft und seinen Abgang angekündigt.

Longchamp wird weiter mit dem gfs.bern-Institut verbunden bleiben. Er wird Projekte betreuen und soll bis 2019 Verwaltungspräsident bleiben. Zunächst will er aber auf Weltreise gehen.

Immer wieder zu reden gab in Longchamps TV-Karriere die "Trefferquote" seiner Umfragen bei Abstimmungen. Der Politologe reagierte genervt auf solche Kritik: Er mache keine Prognosen bei Abstimmungen, sondern "Momentaufnahmen und Trends". Etwa wegen der Unentschlossenen seien Voraussagen bei Abstimmungen schwierig.

Anders sehe es bei Wahlen aus. Dort mache er Prognosen - und zwar erfolgreich: "Wir waren zuletzt um Längen besser als die Amerikaner und die Briten, wir waren anerkanntermassen ganz einfach die Besten", sagte er kürzlich in der Sonntagspresse.

Von Longchamps Zeit noch länger in Erinnerung bleiben dürfte die grosse Abweichung bei der Anti-Minarett-Initiative 2009. Longchamps Institut sah eine Nein-Mehrheit von 53 Prozent; die Initiative wurde jedoch mit 57,5 Prozent Ja angenommen. "Das war fraglos die schwierigste Zeit für mich", sagte Longchamp in verschiedenen Interviews vor seinem TV-Abgang.

Trotz aller Abweichung könne er sich keine Fehler vorwerfen lassen. "Es gibt mittlerweile tausend Seiten wissenschaftliche Literatur über diese Umfrage. Und nirgends steht, ein anderer hätte es besser machen können."

(SDA)