"Nachspielzeit" von Jan Sobrie im Zürcher Schiffbau

Jan Sobries "Nachspielzeit" erzählt bruchstückhaft die Geschichte eines einsamen Alten, der in Bitterkeit versinkt. Das dreiköpfige Ensemble rettet den Abend, der einen verwirrenden Eindruck hinterlässt. Uraufführung war am Dienstag im Zürcher Schiffbau.
13.06.2018 11:45

Der Szenograf Leo de Nijs hat das Eingangsfoyer des Schiffbaus, das erstmals für eine Inszenierung genutzt wird, als Gast- und Wohnstube eingerichtet: im Zentrum ein gedeckter Tisch, daneben ein Piano, ein Kühlschrank, ein Sessel, darüber riesige Lampen, im Hintergrund Wandschränke, die mit ihren Spiegeln Restaurantatmosphäre schaffen.

Das Publikum betritt den Raum vom Theaterplatz her, empfangen von einem herausgeputzten weisshaarigen Kellner (Urs Bihler), der mit steifer Vornehmheit auf einem Silbertablett Pralinen anbietet.

Dann setzt sich der Kellner ans Piano, spielt Rossini, während seine zwei Gäste auftauchen: ein alter Freak (Nicolas Batthyany) und dessen Frau (Larissa Keat), die schon bessere Tage gesehen haben. Sie tragen Masken und sorgen mit Slapstickeinlagen für Heiterkeit im Publikum.

Plötzlich verschwindet der Freak im Hintergrund, die Frau im Kühlschrank. Er taucht wieder auf, demaskiert, nun jung. Im Laufe des Abends zeigt sich, darauf deutet jedenfalls einiges hin, dass er und der Kellner ein und dieselbe Person sind - mal jung, mal alt. Riechen mögen sie sich nicht. Immer wieder zeigt der Junge, wie peinlich er es findet, was aus dem Alten geworden ist.

Und die Frau? Als der Kellner die Tür des Kühlschranks öffnet, hat auch sie sich verwandelt. Jung entsteigt sie dem kalten Gefängnis und schreitet an der Hand des Kellners wie eine Diva durch den Raum. Sie ist ein Model der Zeitschrift "Vogue Taiwan", immer auf Reisen. Er himmelt sie an, sie lächelt puppenhaft. Alles Schein, wie sich zeigen wird. Welche Rolle die Frau im Leben des Kellners spielt oder gespielt hat, bleibt bis am Schluss des Stücks ein Rätsel.

Irgendwann verschwinden die jungen Leute. Sie lassen den Alten allein zurück, worauf er zu einem Monolog ausholt, der Krieg und Umweltzerstörung anprangert und mit der Gesellschaft abrechnet, die seine Verdienste nie anerkannt hat. "Ich habe gemacht, was ich konnte", sagt er. "Verdammt nochmal, ich habe euch ein Leben lang gedient."

Diese Abrechnung mündet dann allerdings in eine ziemlich oberflächliche Zivilisationskritik, dann etwa, wenn er behauptet, dass Menschen, die zweihundertmal pro Tag auf ihre Smartphones schauen oder stundenlang am Computer sitzen, wegen der nach vorne gekrümmten Halswirbel eine rückwärtige Evolution durchmachen. "Und bevor wir es merken, laufen wir wieder rum wie Affen."

Der belgische Autor Jan Sobrie, von dem das Junge Schauspielhaus nun das vierte Stück aufführt, hat erstmals auch die Regie übernommen. Eine gute Hand hatte er bei der Besetzung der drei Rollen. Wenn sich der Besuch des Abends lohnt, dann wegen des starken Ensembles. Insbesondere Urs Bihler lotet mit seinem Spiel die Schattierungen seines Kellners differenziert aus.

Verfasser: Karl Wüst, sfd

(SDA)