Oppositionsführer Kiliçdaroglu greift Staatschef Erdogan scharf an

Der türkische Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu hat am Samstag bei der Eröffnung eines viertägigen "Kongresses für Gerechtigkeit" in der Westtürkei Präsident Recep Tayyip Erdogan scharf angegriffen.
26.08.2017 21:36

Es gebe weder "Recht noch Gerechtigkeit in diesem Land", sagte der Chef der Republikanischen Volkspartei (CHP) vor Anhängern in der westtürkischen Provinz Çanakkale. "Es ist meine Aufgabe, mich gegen die Tyrannen vor die Unschuldigen zu stellen", fügte Erdogans Gegenspieler hinzu. Es gebe in der Türkei nicht "nur eine Person, sondern 80 Millionen, die nach Gerechtigkeit dürsten".

Der viertägige Kongress seiner Partei CHP ist ein Novum in der Geschichte des Landes. Die Veranstaltung findet nahe der Provinzhauptstadt Çanakkale auf der Gallipoli-Halbinsel statt.

Die Gegend war im Ersten Weltkrieg Schauplatz blutiger Schlachten zwischen dem Osmanischen Reich und den westlichen Invasionstruppen. In den monatelangen Kämpfen gelang es den osmanischen Truppen unter Mustafa Kemal im April 1915, die Alliierten zum Rückzug zu zwingen.

Acht Jahre später gründete der Sieger von Gallipoli die Türkische Republik. Als Held des Unabhängigkeitskrieges und Gründer der modernen Türkei, der 1934 den Namenszusatz Atatürk erhielt, geniesst er bis heute grosses Ansehen.

Mit der Wahl von Çanakkale als Ort des Kongresses unterstreicht Kiliçdaroglu die Position seiner Partei als Erbin Atatürks und dessen Säkularisierungs- und Modernisierungspolitik. Bereits mit seinem "Marsch für Gerechtigkeit" im Juli gewann Kiliçdaroglu viel Aufmerksamkeit.

Während der Kemalist Kiliçdaroglu den Kongress in Çanakkale eröffnete, beging der islamisch-konservative Staatschef Erdogan in der östlichen Provinz Mus den Sieg der Seldschuken vor 946 Jahren. Unter Sultan Alp Arslan fügten sie dem byzantinischen Kaiser Romanos IV. Diogenes am 26. August 1071 eine schwere Niederlage zu. Der Sieg in der Schlacht von Manzikert (Malazgirt) gilt als Schlüsselereignis bei der Besiedlung Anatoliens durch die Türken.

Erdogan stellte sich in seiner Rede in die Tradition der historischen Anführer: So wie Sultan Alp Arslan und nach ihm der seldschukische Sultan Kiliç Arslan siegreich war, so wie Mustafa Kemal siegreich war, so sei auch er bei der Niederschlagung des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 siegreich gewesen. Diesen lastet Erdogan dem einst mit ihm verbündeten und jetzt in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen an.

Gülen und seine vermeintliche Organisation bezeichnete Erdogan ebenso wie die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die mit ihr verbündeten kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien als "Schachfiguren" von Mächten, die ein Auge auf die Türkei geworfen hätten. Auch die Terrormiliz Islamischer Staat sei eine solche Schachfigur.

Während Erdogans Rede standen als seldschukische Kämpfer verkleidete Männer neben ihm - mit Speeren, Kettenhemden und eindrucksvoll hochgezwirbelten Schnurrbärten.

Obwohl es noch mehr als zwei Jahre bis zu den nächsten Parlaments- und Präsidentenwahlen im November 2019 dauert, bringen sich Erdogan und die Opposition bereits jetzt Stellung.

Zuletzt war auch eine vorsichtige Annäherung der CHP an die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) zu beobachten. Die CHP-Führung schickte wiederholt Vertreter zu den "Gerechtigkeitswachen", die die HDP in den vergangenen Wochen in Diyarbakir, Istanbul und anderen Städten organisierte. Die HDP-Führung rief ihrerseits zur Teilnahme an dem Kongress in Çanakkale auf.

(SDA)