Orchestrales Geschepper und Geknirsche im Tinguely-Museum

Ein Vierteljahrhundert nach Jean Tinguelys Tod klingen seine Musikmaschinen nach: Die vier grossen "Méta-Harmonien" sind Kern einer Ausstellung im Tinguely-Museum, die Werke anderer Künstler in geräuschreiche Beziehung dazu stellt.
18.10.2016 13:26

Die vier zwischen 1978 und 1985 geschaffenen Grossskulpturen stehen neben Basel sonst in Wien und im japanischen Karuizawa. Das Museum hat sie zum Orchester-Auftritt nach Basel geladen - was für die Skulptur aus Japan acht Wochen Reise als Seefracht bedeutete. Ab Mittwoch werden sie im Dialog miteinander und mit Werken anderer Künstler und Musiker präsentiert.

Harmonische Musik war nicht Tinguelys Ziel mit den Musikmaschinen. Vielmehr benutzte er Klänge und Töne als Material für seine Kunst, wie Co-Kuratorin Annja Müller-Alsbach am Dienstag vor den Medien sagte. Das visuell-akustische Gesamtspektakel klingt nach reinem Zufall, folgt aber einer konstruierten mechanischen Regelmässigkeit. Das sei "Meta-Musik".

Die mehrteiligen "Méta-Harmonien" arrangieren im Container-Format und darüber Tinguelys typische grosse Räder in Eisenrahmen mit Geräuschelementen aller Art, darunter auch echte Musikinstrumente wie ein Klavier, Kinder-Blasorgeln, eine Geige und diverse Trommeln, Becken und Glocken.

Geschlagen wird aber auch auf Ölfässer, Fondue-Caquelons oder Glas-Salatschüsseln. Dazu tanzen motorisierte Dekorelemente wie ein beissender Tierschädel, ein Dachkanten-Adler oder rotierende Gartenzwerge. Akustische und optische Reize konkurrieren; auch eine Hommage an Marcel Duchamps findet sich mit einem Flaschenständer.

Die Klangbilder der vier Werke unterscheiden sich deutlich: Die älteren haben mehr Melodie-, die jüngeren mehr Schlaginstrumente verbaut. Im Museum laufen sie versetzt in vier-Minuten-Episoden zentral gesteuert - Tinguely hatte keine Laufzeiten vorgegeben. Alle vier "Méta-Harmonien" sind einmal stündlich zusammen am Werk.

Die Herausforderung, neben und mit "Méta-Harmonien" zu bestehen, nehmen in der bis am 22. Januar geöffneten Schau verschiedene Künstler aus der Schweiz und dem Ausland an. Unter anderem ist eine elf Meter lange Wandinstallation des Berners Zimoun zu sehen und zu hören. Hundert verschiedene Geräusche bietet eine interaktive Maschine aus New York.

Ein klingendes Bühnenbild von Thom Luz verbindet ferner die Maschinenklänge mit Raum-Performance. Ferner geben mehrere Musikautomaten aus dem frühen 20. Jahrhundert, die vorübergehend aus dem Museum in Seewen SO an den Rhein zügeln, ein Gastspiel.

Live stellen sich Schlagzeug- und Improvisationsklassen der Basler Hochschule für Musik (der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW) den Maschinen. Ebenfalls live treten das Ensemble Phoenix Basel und mehrere Jazzmusiker sowie ein Beatboxer bei Tinguely auf.

Der Katalog zur Ausstellung - er erscheint im November - liefert erstmals kunsthistorische Texte zum Verhältnis Tinguelys zu Klang und Musik, wie Co-Kuratorin Sandra Reimann sagte. Ein Interview mit Tinguelys Assistenten Seppi Imhof liefert zudem neue Aspekte der Entstehungsgeschichte.

(SDA)