Kolumne

2. Säule im Leistungstest - Auftrag verfehlt

Die Pensionskassen gelten als Instrumente der Altersvorsorge. Wie die Statistik zeigt, ist dies zumindest stark übertrieben.
01.05.2017 20:25
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Auftrag verfehlt
Bild: ZVG

Die 2. Säule soll uns zu einem sicheren Einkommen im Alter verhelfen. Dieser hehre Zweck ist dem Staat jährlich mindestens 10 Milliarden Franken an Subventionen wert: Er verzichtet nämlich darauf, gut 60 Milliarden Franken Lohnprozente und Kapitalerträge zu  besteuern. Dabei werden vorwiegend die hohen Einkommen (mit entsprechend hohen Steuersätzen) entlastet. Doch dient die 2. Säule wirklich der Altersvorsorge oder ist sie in erster Linie ein Instrument der Steuerentlastung und ein Beschäftigungsprogramm für Finanzverwalter und Rentenfunktionäre?

Die Antwort kann man - wenn man denn will - in den Zusatzinformationen zur Statistik der Neurenten nachlesen. Danach sind 2015 insgesamt 88'700 Personen altershalber aus dem Erwerbsleben ausgetreten. Davon haben nur 38 Prozent (48% der Männer, 28% der Frauen) einen Anspruch auf eine Pensionskassenrente erworben. Diese ist zudem sehr ungleich verteilt. Das ärmste Viertel muss sich mit maximal 1040 bzw. durchschnittlichen etwa 700 Franken Monatsrente begnügen. Das oberste Viertel hingegen kassiert mindestens 3950 oder durchschnittlich etwa 6000 Franken, also mehr als das achtfache. Insgesamt geht gut die Hälfte aller Renten an das reichste Fünftel der BVG-Rentenbezüger bzw. an etwa einen Zehntel aller Neupensionierten. Doch das sind auch die Leute, denen der Löwenanteil der jährlich gut 60 Milliarden Franken Kapitaleinkommen zufliesst. Die Rente ist da nur noch ein kleiner (staatlich subventionierter) Zustupf.

Die Sache sieht nicht viel besser aus, wenn wir berücksichtigen, dass die 2. Säule neben Renten auch Kapital ausschüttet. Fast jeder zweite Neupensionierte hat sich 2015 sein erspartes Rentenkapital (oder einen Teil davon) auszahlen lassen. Die Beträge sind allerdings insgesamt gering und sehr ungleich verteilt: durchschnittlich rund 15'000 Franken für das unterste und 440'000 für das oberste Viertel. Die Hälfte aller "Kapitalisten" bezieht weniger als 77'700 Franken Kapital. Bei den heute üblichen Umwandlungssätzen könnte damit eine Monatsrente von etwa 360 Franken oder 12 Franken pro Tag finanziert werden. Viele haben deshalb lieber das Kapital genommen.

Hohe Kosten

Rechnet man alle Kapitalzahlungen in Renten um, ergibt sich etwa folgendes Bild: Etwa 60 Prozent aller Neurentner beziehen monatlich weniger als 1000 Franken aus der 2. Säule. Der Durchschnitt dürfte deutlich unter 500 Franken liegen. Im Gegenzug gehen etwa 60% aller Leistungen der 2. Säule an das reichste Fünftel der Rentner - die auch ohne staatliche Hilfe locker über die Runden kämen. Unter dem Strich kann man sagen, dass bloss 40 Prozent der Renten und der Kapitalauszahlungen oder jährlich maximal 15 Milliarden zum eigentlichen Leistungsauftrag der 2. Säule beitragen. Der grosse Rest geht letztlich an die Erben.

Doch dieser kleine Beitrag im Kampf gegen die Altersarmut verursacht hohe Kosten. In den Pensionskassen (inkl. Versicherungen) hat sich inzwischen ein Kapital von rund 1 Billion angehäuft. Allein die Verwaltung verschlingt jährlich etwa 6 Milliarden Franken. Dazu kommen die erwähnten Steuerausfälle von gut 10 Milliarden. Und dann gibt es noch ein paar nur schwer bezifferbare Kosten: So treiben die Pensionskassen in ihrem Anlagenotstand die Immobilienpreise und die Mieten hoch. Was die Pensionskasse gibt,  nimmt der Vermieter wieder weg.

Und dann gibt es da noch den kleinen Unterschied: Die BVG-Renten der Frauen sind mit durchschnittlich 1330 Franken nur halb so hoch wie die der Männer (2637 Franken) und darüber hinaus ist die Chance der Frauen, überhaupt eine BVG-Rente zu ergattern, nur gut halb so hoch. Auch das verdient es, immer wieder mal gesagt zu werden.
 

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Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».