Adecco, Dufry und Co. - Jetzt bei den Schweizer Brexit-Aktien einsteigen?

Ein möglicher Brexit hat bei einzelnen Schweizer Aktien tiefe Spuren hinterlassen. Wer von einem positiven Ausgang der politischen Wirren ausgeht, kann nun zu günstigen Kursen einsteigen.
19.03.2019 17:26
Von Ivo Ruch
Adecco ist stark konjunkturabhängig.
Adecco ist stark konjunkturabhängig.
Bild: Bloomberg

Für die gesamte Schweizer Wirtschaft ist Grossbritannien von einigermassen untergeordneter Bedeutung. Hinter Deutschland, USA, Italien, Frankreich und China ist das Vereinigte Königreich nur der Handelspartner Nummer sechs. Für einzelne Schweizer Unternehmen ist der Handel über den Ärmelkanal jedoch sehr wichtig: Sie erwirtschaften einen grossen Teil ihrer Umsätze im Königreich.

So erstaunt es nicht, dass seit der Brexit-Abstimmung am 23. Juni 2016 immer wieder deutliche Bremsspuren bei solchen Titeln sichtbar werden. Prominentestes Beispiel ist Adecco. Die Aktie des Stellenvermittlers rauschte unmittelbar nach dem Volksentscheid in die Tiefe, wie der grüne Pfeil auf dem folgenden Chart zeigt. Zwar erholte sich der Titel danach wieder bis in die Nähe eines mehrjährigen Höchststandes. Doch mittlerweile müssen Anleger erneut nur 54 Franken für die Adecco-Aktie bezahlen.

Die Adecco-Aktie in den letzten fünf Jahren (Quelle: cash.ch)

Noch immer ist nicht entschieden, ob, wann und in welcher Form Grossbritannien die Europäische Union verlässt. In den letzten Tagen nahm die Situation im britischen Parlament gar chaotische Züge an, was vernünftige Prognosen verunmöglicht. Anleger könnten sich nun fragen, ob dieser Kursrückgang bei Adecco Aufholpotenzial bietet, sollte der Brexit konkrete Formen annehmen. Denn laut Berechnungen der Bank CIC macht der Konzern 14 Prozent seiner Umsätze in Grossbritannien. Bestünde bezüglich zukünftigem britischem Marktzugang Klarheit, wäre die Adecco-Aktie um eine Unsicherheit ärmer.

Den Titel belasten jedoch noch andere Faktoren. Adecco ist sehr konjunktursensitiv und in den grossen Absatzmärkten Frankreich und Italien (zusammen 33 Prozent Umsatz) sieht die wirtschaftliche Perspektive nicht gerade rosig aus. In Europa gilt der Konjunkturzyklus als klar überschritten und in Nordamerika als weit fortgeschritten. Kommt es zu einer rezessiven Phase der Weltwirtschaft, würde der weltgrösste Stellenvermittler dies früh zu spüren bekommen. Die Aktie ist auch nicht besonders günstig. Laut einer Analyse der Zürcher Kantonalbank (ZKB) sind die Konkurrenten Randstad und Manpower bezüglich Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in etwa gleich teuer. Attraktiv ist Adecco hingegen aufgrund der hohen Dividendenrendite von knapp 5 Prozent.

Wiedereinführung von Zöllen

Ebenfalls einen grossen Umsatzanteil in Grossbritannien macht Dufry. Der Betreiber von Duty-Free-Shops kommt an der Börse denn auch seit längerem nicht vom Fleck: Das Allzeithoch von 173 Franken im Mai 2017 ist momentan (109 Franken) weit weg. Doch Dufry fürchtet sich laut eigenen Angaben nicht vor einem harten Brexit, also einem ungeordneten Austritt aus der EU. Im Gegenteil. In diesem Fall würde gar mit einem positiven Einfluss auf die Geschäfte gerechnet, weil nach der Wiedereinführung von Zöllen das Duty-Free-Geschäft an Attraktivität gewinnen würde. Dufry befindet sich auch sonst im Aufwind: Eine höhere Dividende und eine organische Wachstumsbeschleunigung haben die Aktie zuletzt beflügelt.

Landis+Gyr bezeichnet Grossbritannien selbst als seinen wichtigsten Markt in der Grossregion Europa, Mittlerer Osten und Afrika. Der Umsatzanteil beträgt etwa 15 Prozent. Den drohenden Brexit als alleinigen Grund für die schleppende Aktienkursentwicklung des Herstellers von Stromzählern verantwortlich zu machen, wäre aber zu einfach. Seit dem Börsengang im Juli 2017 bei 78 Franken hat sich der Titel vor allem abwärts entwickelt. Wie viel Potenzial vom aktuellen Stand bei 63 Franken vorhanden ist, hängt davon ab, wie schnell die Probleme mit Lieferengpässen behoben werden können. Positiv zu werten ist hingegen das jüngst lancierte Aktienrückkaufprogramm sowie die neu definierten Mittelfristziele.

Auch Aryzta hatte vor einiger Zeit noch einen bedeutenden Umsatzanteil in Grossbritannien. Aktuell macht der Backwarenkonzern mit irischen Wurzeln nur noch weniger als 5 Prozent Umsatz. Das Management selbst schätzte kürzlich den Einfluss eines No-Deal-Brexit auf den Gewinn mit weniger als 2 Prozent ein. Dieser Effekt ist also vernachlässigbar. Aryzta ist aber aus anderen Gründen risikobehaftet: Der Konzern befindet sich in einer Turnaroundphase mit ungewissem Ausgang, was eine Beurteilung durch Privatanleger immer schwierig macht. Für risikofreudige Anleger, die an eine Überwindung der Krise glauben, sind die Aryzta-Kurse verlockend tief. In den letzten 52 Wochen sind sie um 70 Prozent zurückgekommen.

Uhren-Hamsterkäufe

Für einen überraschenden Effekt hat das Brexit-Chaos bei den Uhrenaktien gesorgt. "Hamsterkäufe" aus Grossbritannien führten im Februar zu einer starken Zunahme der Schweizer Uhrenexporte. Beim Uhrenverband glaubt man, dass sich britische Uhrengeschäfte auf einen möglichen ungeordneten Austritt der Insel aus der EU vorbereiten und allfälligen Problemen am Zoll vorbeugen. Die Titel von Swatch (+3,7 Prozent) und Richemont (+2,0 Prozent) reagierten auf diese Nachricht am Dienstag positiv, insbesondere Swatch bleibt aber in den letzten Wochen immer noch deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurück. Zudem sind die Märkte Hongkong, USA und China für die Hersteller von Luxusgütern nach wie vor am wichtigsten.

Laut der Kurzstudie der Bank CIC haftet auch Sonova das Brexit-Etikett an (Umsatzanteil 10 Prozent). Anfang März gab der Hörgerätehersteller von sich aus bekannt, er bereite sich auf den Brexit vor und verlagere bestimmte Dienstleistungen und Fertigungsaktivitäten von Warrington nach Spanien und Vietnam. Aber schon vor dieser Ankündigung vertrauten Anleger auf Sonova:  Nur wenige Schweizer Aktien haben in der Zeitperiode von 52 Wochen besser abgeschnitten. Insofern ist es auch überflüssig, hier auf eine Brexit-Erholung zu setzen. Zumal auch das KGV von knapp 30 weit weg von einem Schnäppchen-Deal ist.

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