Aktien - «Der Handelskonflikt ist das wichtigere Problem als eine Rezession»

Rezessionen gibt es immer wieder, sagt Anlagespezialist Titus Schlösser. Grössere Turbulenzen richte aber der Handelskrieg an. Daher setzt er auf Rückversicherer, Softwarespezialisten und Erneuerbare Energien.
23.09.2019 21:05
von Frank Stocker, «Die Welt»
Der Welthandel ist beeinträchtigt: Ein Frachtschiff von Maersk aus Kopenhagen, der grössten Reederei der Welt.
Der Welthandel ist beeinträchtigt: Ein Frachtschiff von Maersk aus Kopenhagen, der grössten Reederei der Welt.
Bild: ZVG

Titus Schlösser, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Portfolio Concept in Köln, hält die Rezessionsgefahren derzeit für das geringere Problem. Sorgen machen ihm andere Dinge – und seine Anlagetipps orientieren sich daran.

Schlittern wir gerade in eine Rezession?

Titus Schlösser*: Es kann schon sein, dass wir in einer technischen Rezession sind – man spricht davon, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale hintereinander zurückgeht. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft ganz leicht geschrumpft, im dritten passiert das vielleicht auch. Aber ehrlich gesagt finde ich das recht unwichtig.

Warum das?

Wir hatten jahrelang ein starkes Wachstum, die meisten Unternehmen haben daher gesunde Bilanzen, und zu einem Wirtschaftszyklus gehört es einfach dazu, dass das Wachstum mal geringer oder sogar negativ wird. Andere Ereignisse wiegen derzeit viel schwerer.

Sie meinen den Handelskonflikt?

Ja, und allgemein die geopolitischen Entwicklungen. Der Konflikt zwischen den USA und China ist dabei natürlich der wichtigste Punkt. Daneben macht den Finanzmärkten der Brexit zu schaffen, auch wenn da inzwischen einiges eingepreist ist, und die Krise im Nahen Osten, die früher oder später den Ölpreis beeinflussen kann.

All dem stehen aber Notenbanken gegenüber, die drauf und dran sind, die Geldschleusen wieder zu öffnen.

Genau, sie sind wesentlich proaktiver als früher, versuchen, Entwicklungen schon vorwegzunehmen und durch diverse Stimuli die Finanzmärkte zu beleben. Manchmal überwiegt unter den Investoren die positive Stimmung angesichts dieser Geldpolitik, dann aber wieder die negative Stimmung aufgrund der geopolitischen Konflikte. So geht das immer hin und her, und das kann noch Monate andauern.

Es ist ja kaum zu erwarten, dass der Konflikt zwischen den USA und China demnächst beigelegt wird.

Man sollte nicht unterschätzen, dass in den USA demnächst die heisse Phase des Wahlkampfs beginnt. US-Präsident Trump braucht Ruhe, um seine Chancen zu wahren. Die Frage ist inzwischen nur, ob China da mitspielt.

Bleibt uns die Unsicherheit möglicherweise noch jahrelang erhalten?

Das ist möglich, aber das ändert nichts daran, dass es für Anleger derzeit eigentlich kaum Alternativen zu Aktienanlagen gibt. Allerdings bevorzugen wir angesichts der vielen Probleme und Krisen defensive Titel, also solche, die relativ wenig von konjunkturellen Schwankungen abhängen.

Welche sind das?

Zum einen setzen wir auf die Münchener Rück. Das ist der globale Marktführer in der Branche, und selbst wenn die Wirtschaft schwächelt, werden Menschen und Unternehmen deshalb nicht ihre Versicherungen kündigen. Die Dividendenrendite von 4,5 Prozent bietet zudem ein gutes Polster.

Jetzt beginnt aber wieder die Hurrikan-Saison, das kann die Rückversicherer richtig teuer kommen. Sollte man also nicht lieber warten, bis diese Phase vorbei ist?

Das Problem ist, dass man dann vielleicht schon wieder zu spät dran ist. Der Markt verfolgt das ja täglich und preist jede Entwicklung permanent in die Kurse ein. Wenn bis Oktober keine grossen Hurrikanschäden aufgetreten sind, dann sind die Kurse bis dahin schon entsprechend gestiegen. Umgekehrt sind Schäden in einem gewissen Umfang ebenfalls schon eingepreist, schliesslich gibt es diese jedes Jahr, und sie sind im Risikomanagement des Unternehmens eingepreist. Etwas anderes wäre es, wenn es zu einer richtig grossen Katastrophe kommen sollte. Aber selbst dann können die Versicherer danach üblicherweise ihre Prämien umso stärker anheben.

Was wäre Ihre Aktie Nummer zwei?

Da würde ich Microsoft empfehlen – auch wieder ein Marktführer, um dessen Produkte wie Windows oder Office kaum jemand herumkommt. Zudem gilt auch hier: Es wird wohl niemand auf ein Betriebssystem für seine Computer verzichten, wenn es mit der Wirtschaft schlechter läuft. Und seit Microsoft sein Geschäftsmodell weitgehend auf Lizenzen umgestellt hat, sind auch keine Geschäftseinbrüche zu erwarten, weil einige Firmen neue Investitionen zurückstellen. Zudem profitiert Microsoft vom starken Cloud-Geschäft, da wird richtig Geld verdient.

Haben Sie noch ein Unternehmen, das richtig stark wächst, im Angebot?

Ja, Nextera. Das ist der weltgrösste Produzent erneuerbarer Energien, mit Sitz in Florida. Natürlich wissen wir, dass US-Präsident Trump kein grosser Fan dieser Branche ist. Aber das heisst nicht, dass dies auch für die Bürger der USA gilt. Das Unternehmen verfügt bereits über eine Leistung von 25'000 Megawatt und baut sein Netz konsequent weiter aus.

Aber der Aktienkurs ist auch schon stark gestiegen.

Ja, vielleicht kann es auch kurzfristig mal Rückschläge geben. Aber für mich ist der Horizont von drei bis fünf Jahren entscheidend, und da bietet das Unternehmen Anlegern gute Chancen, Geld zu verdienen. Ausserdem gibt es eine Dividendenrendite von 2,2 Prozent – für amerikanische Verhältnisse viel.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der «Welt» unter dem Titel «Rezession? – Ehrlich gesagt finde ich das recht unwichtig».

 
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