Allianz Leben begrenzt Datenlieferung an Sammelsystem der Versicherer

STUTTGART (awp international) - Die Allianz Lebensversicherung hat die Datenweitergabe an das gemeinsame Sammelsystem der Versicherer stark reduziert. "Wir beliefern das HIS-Informationssystem seit Ende 2015 nicht mehr mit Daten aus unseren Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen", sagte Produktvorstand Alf Neumann der Deutschen Presse-Agentur. "Der für uns aus HIS für den Bereich Leben gezogene Erkenntnisgewinn war nicht mehr hoch genug, um die Aufwände und Kosten zu rechtfertigen." Bei Schadenversicherungen wie der Kfz-Versicherung will die Allianz sich aber weiterhin mit der Konkurrenz austauschen.
12.09.2016 06:28

Beim HIS handelt es sich um eine Auskunftei ähnlich der Schufa für Auskünfte über die Zahlungsfähigkeit. Es soll helfen, Betrugsfälle und hohe Risiken aufzudecken. Gemeldet werden etwa ungewöhnliche Schadenshäufungen sowie Risiken für die Versicherer wie schwere Krankheiten oder gefährliche Berufe und Hobbys. Nach Kritik von Datenschützern wurde das System vor einigen Jahren neu geordnet und wird seit 2011 von der Informa HIS GmbH betrieben, die zur Bertelsmann-Gruppe gehört.

Der Anteil der Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen sei im Vergleich zu Schaden- und Unfallversicherungen "eher gering", sagt Informa-Geschäftsführer Björn Hinrichs. "So entfällt beispielsweise mehr als die Hälfte der Systemnutzung auf die Kfz-Versicherung." Nahezu alle am deutschen Markt tätigen Kraftfahrtversicherer beteiligten sich. 2015 gingen über alle Sparten 28,4 Millionen Anfragen und 1,15 Millionen Einmeldungen ein - Tendenz steigend.

Bei den Lebensversicherungen sieht es anders aus: Mit der Allianz verzichtet Deutschlands grösster Lebensversicherer auf die Weitergabe von Daten über Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen an das HIS. Auch die Aachen Münchener, nach der Allianz einer der grössten Versicherer in dem Bereich, nutzt das System nur für Schadenversicherungen. Die Hannoversche Leben beliefert die Datensammlung ebenfalls nicht. Bei der Ergo-Versicherung heisst es hingegen, man befürworte das HIS als Ergänzung zu den hausinternen Prüfungen in der Lebensversicherung. Ähnlich äusserte sich die zur HDI-Gruppe gehörende Talanx -Versicherung.

Bei der Allianz begründet man den Ausstieg mit der geplanten Umstellung auf Online-Abschlüsse. Nach Risikolebensversicherungen sollen auch Berufsunfähigkeitsversicherungen demnächst im Internet abgeschlossen werden können. "Wir haben zudem festgestellt, dass der Zusatzschritt ein Hindernis für einen schnellen, zumal digitalen Abschluss war", sagte Neumann.

Bei Verbraucher- und Datenschützern stand die Sammeldatei in der Vergangenheit in der Kritik: Nach der Neuordnung des HIS einigten sich Versicherungswirtschaft und Datenschützer deshalb im Jahr 2013 auf einen gemeinsamen Kodex zum Datenschutz, der auch die Behandlung von Kundendaten in HIS-System beinhaltet.

In den vergangenen 20 Jahren habe sich der Datenschutz sehr verbessert, räumte Daniel Holzapfel von der Behörde des Datenschutzbeauftragten in Berlin ein. Die Stellvertretende Landesbeauftragte für Datenschutz in Schleswig-Holstein, Barbara Körffer, betonte allerdings, wenn grössere Versicherer nun ausscherten, müsse untersucht werden, ob die Datei in allen Bereichen überhaupt noch ihren Zweck erfülle.

Auch in der Branche selbst regen sich Stimmen gegen das System: Der Verband deutscher Versicherungsmakler etwa sieht "den Umfang der in HIS erfassten Daten kritisch, weil ein ausreichender Datenschutz nicht gewährleistet zu sein scheint". Die Makler selbst hätten keinen Zugriff auf die Datei und kämen damit nur in Berührung, wenn ein Versicherungsantrag abgelehnt werde, so eine Verbandssprecherin.

Verbraucherschützer haben nach wie vor ein Problem mit der Datensammlung: Bei ungünstigen Schadensverläufen etwa, habe es Fälle gegeben, in denen Versicherten gekündigt wurde und sie keinen neuen Vertrag von einem anderen Versicherer bekamen, sagt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg. Auch bei Berufsunfähigkeitsversicherungen könne das von Nachteil sein. Liege eine schwere Erkrankung, die zu einer Verweigerung der Versicherung geführt habe, etwa vier bis fünf Jahre zurück, bleibe das über Jahre in der Datei gespeichert. "Es gibt aber sicherlich auch Fälle, in denen so ein System sinnvoll ist", räumt Becker-Eiselen ein. Dazu gehörten beispielsweise Betrugsfälle im Kfz-Bereich./ang/DP/zb

(AWP)