Analyst verliert türkische Lizenz nach Putsch-Kommentar

Nach einer Studie zu den Putsch-Folgen wurde einem türkischen Finanzanalysten die Berufslizenz entzogen. Damit strafft Präsident Erdogan die Zügel auch beim beim privaten Finanzsektor weiter.
31.07.2016 17:01
Die Zukunft der Türkei ist ungewiss. Das spüren sämtliche Wirtschaftszweige.
Die Zukunft der Türkei ist ungewiss. Das spüren sämtliche Wirtschaftszweige.
Bild: cash

Der Chef für Analysen bei einem der grössten türkischen Broker hat seine Berufslizenz verloren und steht jetzt vor strafrechtlichen Konsequenzen wegen einer Studie, in der es um die Auswirkungen des Putschversuchs vom 15. Juli geht. Damit strafft Präsident Recep Tayyip Erdogan die Zügel beim privaten Finanzsektor des Landes weiter.

Laut Capital Markets Board (CMB), das seine Entscheidung am Mittwoch dieser Woche bekanntgab, hat Stratege Mert Ulker es versäumt, "seine Pflichten" bei Vorbereitung und Veröffentlichung der Studie vom Ak Investment vom 18. Juli "zu erfüllen". Die Firma ist die Broker-Sparte der zweitgrössten türkischen Bank. Wer an den Kapitalmärkten des Landes arbeiten will, kommt an der CMB-Lizenz nicht vorbei.

Aus der Mitteilung der Behörde ging nicht hervor, ob der Status von Ak Investment ebenfalls betroffen ist.

«Säuberungen» in sämtlichen Bereichen

Ulker, der auch Chef-Stratege bei dem Broker aus Istanbul war, ist der erste Analyst, dem jetzt die Lizenz entzogen wurde - angesichts einer Säuberung in den Bereichen Behörden, Bildung und Militär, nachdem Teile des Militärs mit ihrem Versuch, die Regierung der Türkei zu stürzen, vor rund zwei Wochen nicht erfolgreich gewesen waren.

Türkische Aufsichtsbehörden haben Banken dazu aufgefordert, ihre Analysen zu dem Putsch-Versuch auszuhändigen. Mehmet Ali Akben, Chef der Bankenaufsicht, erklärte am 21. Juli, dass sein Haus "Studien, die die Erwartungen und die Atmosphäre ins Negative drehen", nicht billige.

Das Capital Markets Board wollte auf Nachfrage von Bloomberg keinen Kommentar zu dem Fall abgeben. Ulker war auf seinem Handy nicht erreichbar.

"Mert Ulkers Vertrag mit Ak Investment ist zu Montag, den 25. Juli, aufgehoben worden. Und seitdem ist er nicht mehr länger ein Mitarbeiter", erklärte Mert Erdogmus, Geschäftsführer von Ak Investment, gegenüber Bloomberg.

Die Bestrafung von Analysten wird sich wahrscheinlich rächen, meinte Ghanem Nuseibeh, Gründer der Londoner Risiko-Beratung Cornerstone Global Associates.

"Alles, was jetzt aus der Türkei kommt, wird mit einer Prise Vorsicht wahrgenommen werden", sagte Nuseibeh. "Falls dieses Umfeld anhält, wird die Türkei einen Punkt erreichen, an dem das Vertrauen in ihren Finanzsektor und ihre Wirtschaft einbrechen wird, wenn es um ausländische Investoren geht."

Viele türksiche Broker halten sich Kommentaren zurück

In der 2750 Wörter umfassenden Studie, die am Montag nach dem Putsch-Versuch veröffentlicht worden war, fasste Ak Investment die jüngsten Entwicklungen zusammen und gab Prognosen für die Lira, den Aktienmarkt und die Auswirkungen auf die Konjunktur ab. Das Papier analysierte auch den wahrscheinlichen Pfad der türkischen Politik - die Entwicklungen hätten "dazu geführt, dass sich mehr Macht in den Händen von Präsident Erdogan konzentriert".

Ein Teil der Studie bot auch verschiedene Erklärungen dazu an, wer hinter dem Putsch-Versuch stecken könnte. Dabei wurden auch Spekulationen angesprochen, dass es sich um eine "False-Flag-Operation" gehandelt haben könne - "vorgespielt, um Präsident Erdogan eine Möglichkeit zu geben, das Militär von Gegnern zu säubern und seine Kontrolle über die Türkei zu stärken". In der Studie heisst es aber auch, dass es sich hier nicht um die "rationellste" Möglichkeit handele.

Einige Broker mit Geschäften in der Türkei halten sich im Nachgang des Putsch-Versuchs offenbar mit Kommentaren zurück. Mindestens fünf Broker wollten sich diese Woche auf Nachfrage von Bloomberg nicht äussern. Sie verwiesen auf Anfragen der Aufsichtsbehörden zu ihren Analysen sowie Untersuchungen zu ihrem E-Mail-Schriftverkehr.

(Bloomberg)