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Anastassios Frangulidis - «Die Lage in Griechenland ist unter Kontrolle»

Der Wirtschaft der Euro-Zone läufts gut wie lange nicht mehr. Auch der Sorgenfall Griechenland stabilisiert sich, wie Anlagestratege Anastassios Frangulidis sagt. Eine neue Rezession wäre aber immer noch gefährlich.
21.07.2017 01:05
Von Marc Forster
Anastassios Frangulidis, Chefstratege bei Pictet Asset Management, im Börsen-Talk.
Bild: cash

Vor fast genau zwei Jahren, Anfang Juli 2015, kochte im schuldengeplagten Griechenland die Wut hoch: 61 Prozent stimmten in einem Referendum gegen das Sparprogramm, welches das bankrotte Land nach Meinung seiner Geldgeber wieder markttüchtig machten soll.

Doch es kam anders: Die Linksregierung des Syriza-Bündnisses willigte plötzlich in ein neues Sparprogramm ein, frische Kredite wurden von der EU-Kommission, Eurozone und dem Weltwährungsfonds garantiert. Das Thema rückte in den Hintergrund.

Bewegung nach deutschen Wahlen

Wie sieht die Situtation heute aus? "Die Lage in Griechenland ist heute weitgehend unter Kontrolle", sagt Anastassios Frangulidis, Chefstratege bei Pictet Asset Management in Zürich. Die Finanzbedürfnisse des Landes seien sichergestellt und die Regierung erfülle die Auflagen der Gläubiger, sagt Frangulidis im cash-Börsen-Talk: "Es ist nicht davon auszugehen, dass wir in nächster Zeit über Griechenland reden werden."

Strukturell laste aber immer noch der hohe Schuldenberg auf dem Land. In den Jahren der Krise seit 2010 ist der Anteil der Staatsschulden von 146 auf fast 180 Prozent des Bruttoinlandprodukts gestiegen – ein ungelöstes Problem, wie Frangulidis sagt.

"Ich kann mir vorstellen, dass die Diskussion um eine Reduktion der realen Schulden Griechenlands bald losgeht, aber einen Schuldenschnitt erwarte ich aus politischen Überlegungen nicht." Konkret werde die Zeit nach den deutschen Bundestagswahlen Ende September vermutlich Entspannung bringen. Was durchaus passieren könnte, sei eine Verlängerung der Schuldenfristen: "Damit wird die Belastung des griechischen Haushalts reduziert." Athen würde dann weniger Schuldzinsen leisten müssen.

Weniger Krisen, ausser in Italien

Die Eurozone rückt ihr Augenmerk auch deshalb von alten oder neuen Krisenherden weg, weil die Wirtschaftsleistung in den vergangenen Monaten angezogen hat und dem Währungsblock und seinen Verantwortlichen etwas Luft gibt. Seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gehe es der Weltkonjunktur und damit Europa besser, sagt Frangulidis: "Die europäischen Nationen sind Länder, die sehr viel nach Amerika und Asien exportieren und sie haben dementsprechend profitiert." Auf das Jahr hochgerechnet könnte die Wirtschaft der Eurozone 2017 um 1,9 Prozent wachsen, was höher wäre als in der Schweiz.

Die Konjunkturlage werde in Deutschland, zunehmend in Frankreich und auch in anderen Ländern besser. Die Wahl des Pro-Europäers Emmanuel Macron zum Präsidenten Frankreichs und das Erstarken EU-freundlicher Parteien in anderen Ländern vermindere zudem die Wahrscheinlichkeit eines Auseinandersbrechens der Eurozone. Nur Italien müsste laut Frangulidis eine stärkere Regierung haben, um das Problem unterkapitalisierter Banken mit zu vielen faulen Krediten in den Büchern angehen zu können.

Allerdings: Auch wenn die Arbeitslosigkeit in der gesamten Eurozone innerhalb von zwei Jahren von etwa 13 auf 9,3 Prozent gesunken ist, bleibt auch in der Einschätzung der Bank Pictet ein Problem, vor allem in Südeuropa. In Spanien beträgt die Quote fast 18 Prozent, in Italien 11 Prozent - die Jugendarbeitslosigkeit ist noch höher. Aufgrund des besseren konjunkturellen Bildes würden diese strukturellen Probleme aber nicht  so stark in Erscheinung treten, sagt Frangulidis und warnt zugleich: "Bei der nächsten Rezession werden wir aber wieder mit diesen Problemen zu kämpfen machen."

Euro-Franken-Kurs bei 1,12

In der jetzigen Lage aber seien eine bessere Konjunktur in Europa und damit die Aussicht, dass die Europäische Zentralbank gegen Ende 2018 die Leitzinsen erhöhen könne, auch gute Nachrichten für die Schweizerische Nationalbank und ihre Frankenpolitik.  Der Eurokurs, der in den vergangenen Wochen über die Marke von 1,10 Franken gestiegen ist, könnte sich kurzfristig durchaus auf 1,12 bewegen.

An eine massive Abwertung des Franken glaubt Frangulidis aber mittel- bis langfristig nicht: "Der Franken ist heute gegenüber den meisten Währungen fair bewertet, und zum Euro ist die Überbewertung nur leicht."

Im cash-Börsen-Talk analysiert Anastassios Frangulidis die Entwicklung des Schweizer Aktienmarktes in den vergangenen Tagen. Er äussert sich auch zum Gewinnwachstum der Schweizer Unternehmen und sagt, ob er eher in Large Caps oder in kleine und mittelgrosse Aktien investiert.