Angela Merkel als Leuchtturm des Westens

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kommt nach dem Wahlsieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen nach Auffassung von Experten eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung westlicher Werte zu.
19.11.2016 11:35
Merkel zwischen Renzi und Hollande: Wer ist in einem Jahr noch Chef im eigenen Land?
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Bild: Bloomberg

"Es gibt andere liberal gesinnte Führungsfiguren in Europa, aber Merkel steht am deutlichsten für diese Werte", sagte Daniel Hamilton vom Zentrum für Transatlantische Beziehungen am Johns Hopkins Institut in Washington. Merkel sei "die letzte prominente Verfechterin dieser Werte", was den Druck auf die Kanzlerin erhöhe, im kommenden Jahr noch einmal bei der Bundestagswahl anzutreten, sagte Hamilton in einem Interview.

In einem viel beachteten Artikel in der "New York Times" wurde Merkel am vergangenen Wochenende als "letzte Verteidigerin" des freien Westens bezeichnet. Und am Tag der Trump-Wahl lobte der renommierte New Yorker Rabbiner Arthur Schneier die deutsche Kanzlerin bei einer Ehrung in der Münchner Synagoge für ihre Verdienste im Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus und Rassismus in Europa. Zugleich sieht sich Merkel in Deutschland wegen ihrer liberalen Flüchtlingspolitik weiterhin zum Teil massiver Kritik ausgesetzt.

Merkel hatte Trump am 9. November in einer ersten Reaktion eine enge Zusammenarbeit in Aussicht gestellt, dabei aber zugleich auf bestehende gemeinsame Werte zwischen den USA und Europa verwiesen.

In diesem Zusammenhang nannte sie Demokratie, Freiheit, den Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. "Auf der Basis dieser Werte" biete sie Trump eine enge Zusammenarbeit an, sagte Merkel.

Krebst Donald Trump allmählich zurück?

Trump hatte sich im US-Wahlkampf mehrfach abfällig über Minderheiten und Frauen geäussert. Dabei hatte er auch Merkels Flüchtlingspolitik heftig kritisiert und als "Desaster" bezeichnet. In ersten Interviews nach seiner Wahl hat er allerdings bereits deutlich moderatere Töne angeschlagen.

Im Kanzleramt geht man mittlerweile davon aus, dass Trump nach seiner Vereidigung zum US-Präsidenten am 20. Januar nächsten Jahres einige seiner extremen Positionen revidieren wird. "Es wird nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird", sagte Merkels aussenpolitischer Berater Christoph Heusgen am 14. November auf einer sicherheitspolitischen Tagung in Berlin.

Auch mit Blick auf Trumps Verhältnis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin hoffe man auf eine differenziertere Sicht, insbesondere was die Rolle Russlands im Ukrainekonflikt angehe.

(Bloomberg)