Ängstliche Chinesen: Terror belastet Tourismus und Luxusgüter

Die Schweiz setzt auf Touristen aus Fernost. Doch in einem Jahr mit einer traurig hohen Zahl von Terroranschlägen in Europa beginnt das Geschäft zu leiden. Hotels und Restaurants, aber auch die Luxusbranche merken es.
20.07.2016 06:51
Marc Forster
Schweizer Hotels verzeichnen fast elf Prozent weniger Logiernächte aus China in den ersten Monaten des Jahres.
Schweizer Hotels verzeichnen fast elf Prozent weniger Logiernächte aus China in den ersten Monaten des Jahres.
Bild: cash

"Noch so ein Anschlag, und die Touristen bleiben weg", hiess es in der Luzerner Tourismusindustrie nach den Bombenanschlägen von Brüssel. Die Attentate der Terrororganistion IS auf den Flughafen und die U-Bahn der belgischen Hauptstadt vom 22. März trafen auch die Reisewelt. Von tausenden Touristen täglich passierte Stellen wurden Opfer des Terrors.

Die Schweiz ist zwar bisher von Anschlägen verschont geblieben. Aber Chinesen reisen oft durch mehrere europäische Länder. Mit den Anschlägen von Paris im November begannen die oft kaufkräftigen Reisenden aus Asien vorsichtiger zu werden. Häufig gehören Paris und Touristenorte in der Schweiz gleichermassen zur Tour, die Chinesen vor allem in Gruppen buchen.

In den drei zurückliegenden Wochen sind auf dem Kontinent in kurzer Abfolge weitere verheerende Anschläge passiert: Am 28. Juni auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul und am 14. Juli in Nizza, wo ein Attentäter mit einem Lastwagen mindestens 84 Menschen tötete, indem er sie überfuhr. Die Angst der Chinesen dürfte nach dem Axt-Angriff eines Attentäters in einem Regionalzug in Bayern am 19. Juli noch grösser werden: Mehrere der Opfer stammten aus Hongkong, die chinesischen Medien berichten gross über diesen Fall.

«Touristen haben Angst»

In Luzern, wo der Fremdenverkehr eine wichtige Einnahmequelle ist, bestätigen sich nun Befürchtungen: "Sie können in Hotels, Restaurants, bei den Ausflugsschiffen oder in Geschäften fragen: Alle sagen, dass weniger Touristen kommen, weil sie Angst haben", sagt eine Angestellte eines Betriebs, der von den Feriengästen lebt.

"Im asiatischen Markt reagieren Reisende sehr sensibel auf die Terrorismus-Bedrohung, aber auch andere aufsehenerregende Gefahren wie zum Beispiel Epidemien", sagt Sibylle Gerardi, Kommunikationsverantwortliche von Luzern Tourismus. Weil mittlerweile nicht nur der Euro, sondern auch das Pfund zum Franken sehr schwach ist und Schweiz-Ferien für die Gäste aus vielen europäischen Ländern so teuer wurden, setzte man um so mehr auf Chinesen und Besucher aus anderen Schwellenländern.

Auf den ganzen Schweizer Tourismus bezogen, zeigen die Logierzahlen zwischen Januar und April einen Rückgang von 10,7 Prozent weniger Übernachtungen von Gästen aus China. "Nach Brüssel und Nizza dürfte sich diese Tendenz verstärken, wie wir hören", sagt Véronique Kanel, Sprecherin der Organisation Schweiz Tourismus. Die grösste Ferienvermarktungsorganisation im Land war in den vergangenen Jahren federführend bei den Bemühungen, die Schweiz bei den Chinesen mit Erfolg anzupreisen.

Terror trifft auch Luxusgüterbranche

Der Rückgang der Besucherzahlen aus China ist nicht allein durch die Angst vor Anschlägen ausgelöst worden. Terrorismus sei einer der Gründe, weswegen Chinesen weniger reisten – die andern seien die biometrischen Pass-Regeln der EU und das langsamere Wachstum in China, sagt Patrik Schwendimann, der für die Zürcher Kantonalbank die Schweizer Luxusgüterbranche analysiert.

Welcher dieser Faktoren die Chinesen am meisten vom Reisen abhält, ist nicht klar zu ermitteln. Betroffene gibt es aber über die Ferienindustrie hinaus: Die Schweizer Luxusgüterbranche mit ihren Flaggschiffen Swatch und Richemont lebt von den Chinesen, und entscheidend dabei ist, dass die den grösseren Teil des Umsatzes gar nicht in China oder dessen Sonderverwaltungsgebiet Hongkong selbst machen. "Die Chinesen sorgen für etwa ein Drittel der Umsätze in der Luxusgüterbranche. Davon wiederum entfallen drei Viertel auf Käufe, die auf Reisen getätigt werden", sagt Patrick Schwendimann.

Lage beruhigt sich nicht

Die Schlagzeilen, die verheerende Attentate alle paar Monate machen, werden auch in China gelesen: "Beim Terror ist vor allem ein Problem, dass sich die Lage nicht beruhigt und seit des Terroranschlags im November 2015 in Paris immer wieder solche Ereignisse stattfinden", sagt Schwendimann.

Terrorismus-Experten warnen, dass sich Attentate wie das in Nizza, wozu der Angreifer lediglich das Fahren eines Lastwagens beherrschen musste, schwierig zu verhindern seien. Jede dieser Schreckenmeldungen verschärft die Lage des ohnehin angespannten Schweizer Tourismusgeschäfts.

Der Angst entgegenzuwirken ist schwierig, wie Sibylle Gerardi von Luzern Tourismus sagt. Die Schweizer Tourismusbehörden oder auch die Bijouterie-Geschäfte in der Stadt seien natürlich in Kontakt mit den chinesischen Tour Operators oder Tour Guides und versuchten, die Situation zu erklären. Sie hofft indessen, dass Massnahmen bei den Visa den Besucherrückgang etwas lindern. Die Schweiz hat als erstes Schengen-Land von China die Erlaubnis erhalten, das Netz von bewilligungspflichtigen Visaantragsstellen auf maximal 15 chinesische Städte auszudehnen. Die 15 Büros werden demnächst alle in Betrieb sein.