Anleger stochern nach Brexit-Votum noch immer im Nebel

Der erste Schock über das Brexit-Votum ist verdaut. Dennoch blicken Anleger skeptisch auf die neue Woche.
02.07.2016 13:16
Die Blicke richten sich nach London, politisch und wirtschaftlich.
Die Blicke richten sich nach London, politisch und wirtschaftlich.
Bild: Bloomberg

Innenpolitisches Hickhack in Grossbritannien, Unsicherheiten über den Ablauf der Scheidung mit der EU und Sorgen vor einer Konjunkturabschwächung in ganz Europa drücken auf die Stimmung der Anleger. "Zwar ist der befürchtete Zusammenstoss mit dem Eisberg bislang zum Glück ausgeblieben, sodass der Eine oder Andere schon wieder das Tempo erhöht", sagt Volkswirt Carsten Klude von MM Warburg. "Wir halten diese Vorgehensweise aber für riskant und empfehlen zu warten, bis sich der Nebel lichtet."

In der zu Ende gehenden Woche hat der SMI 4,3 Prozent zugelegt - kräftigste Wochenplus seit Ende 2011. Der deutsche Leitindex Dax erholte sich in der alten Woche teilweise von seinem Einbruch in Folge des Brexit-Votums. Noch stärker nach oben ging es beim britischen "Footsie", der um 7,2 Prozent zulegte. Damit verbuchte der Index den grössten Wochengewinn seit Ende 2011 und notiert auf dem höchsten Stand seit August 2015. Die Kursverluste nach dem überraschenden Ausgang des Referendums sind so mehr als wettgemacht. In New York legte der Dow-Jones-Index auf Wochensicht 3,1 Prozent zu.

Quo vadis, Grossbritannien

Doch Börsianer sind skeptisch, dass die Erholung nachhaltig ist. "In nächster Zeit wird es viele Unsicherheitsmomente für die europäische Wirtschaft geben", sagt Investmentstratege Lars Skovgaard Andersen von der Danske Bank. Einen ersten Hinweis darüber, wie es in Grossbritannien in den Verhandlungen über den Ausstieg aus der EU weitergeht, gibt es am Dienstag. Dann stellen sich fünf Kandidaten für die Nachfolge des zurückgetretenen Premiers David Cameron erstmals den Abgeordneten. Weitere Wahlgänge folgen am Donnerstag und am 12. Juli.

Anleger blicken vor allem auf das Pfund Sterling, das nach dem Referendum massiv verloren hatte und mit 1,3118 Dollar auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren gefallen war. "Bei eher kompromissbereiten Kandidaten dürfte sich das Pfund weiter erholen", sagt Devisenexpertin Esther Reichelt von der Commerzbank. "Je weniger sich die Beziehung zwischen der EU und Grossbritannien zu ändern scheint, desto besser für das Pfund."

An den Aktienmärkten kann es nach Meinung von Börsianern in der neuen Woche zu grösseren Schwankungen kommen. Da viele Anleger den US-Unabhängigkeitstag am Montag für einen Kurzurlaub nutzen werden, müsse insgesamt mit relativ dünnen Umsätzen gerechnet werden.

Ansonsten richtet sich der Blick der Anleger in den USA wieder auf anstehende Quartalsszahlen. Die Banken Wells Fargo, Citigroup und JPMorgan Chase gehören zu den ersten US-Schwergewichten, die Mitte Juli die Ergebnisse für das zweite Quartal vorlegen. In der Schweiz stehen noch keine Zahlen von SMI-Unternehmen an. Am Donnerstag wird dafür aus dem breiten Markt der Schokoladenproduzent Barry Callebaut über neun Monate Geschäftsverlauf berichten.

Konjunkturdaten zeigen Unsicherheit noch nicht

In der ganzen Brexit-Gemengelage dürften es Konjunkturdaten schwer haben, sich durchzusetzen. Dabei stehen mit den Einzelhandelsumsätzen in der Euro-Zone (Dienstag) sowie der deutschen und britischen Industrieproduktion (Donnerstag) für die Finanzmärkte wichtige Wirtschaftsdaten auf dem Zettel. Diese sind  nur bedingt aussagekräftig, da sie die Unsicherheit nach dem Brexit-Votum noch nicht widerspiegeln.

Interessant dürfte es dagegen am Freitag werden, wenn in den USA Zahlen zum Arbeitsmarkt für Juni veröffentlich werden. Von Reuters befragte Experten erwarten ein Plus von 180'000 Jobs. Im Mai waren nur 38'000 Stellen entstanden, deutlich weniger als erwartet. Die US-Notenbank hat daraufhin den Fahrplan für ihre Geldpolitik überdacht und Pläne für eine Zinserhöhung erst einmal auf Eis gelegt. Manch ein Börsianer rechnet mit nur einer Erhöhung in diesem Jahr, andere sehen die US-Notenbank erst 2018 wieder an der Zinsschraube drehen.

(Reuters/AWP)