Anleger zittern der Brexit-Abstimmung entgegen

Das bevorstehende Referendum über den Ausstieg Grossbritanniens aus der EU wird Experten zufolge in der neuen Woche erneut für Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten sorgen.
18.06.2016 12:37
Börsianer werden sich auch in den nächsten Tagen auf wilde Kurskapriolen einstellen müssen.
Börsianer werden sich auch in den nächsten Tagen auf wilde Kurskapriolen einstellen müssen.
Bild: cash

Wer die aktuellen Kursausschläge bereits für hoch halte, werde überrascht sein, warnte Andrew Edwards, Chef des Brokerhauses ETX Capital. "Es wird noch viel schlimmer, wenn Grossbritannien für den Brexit stimmt." Panik sei zwar noch nicht zu spüren. "Händler werden aber zunehmend nervös und das aus gutem Grund."

Am Donnerstag fällt die Entscheidung über einen Brexit. In den vergangenen Wochen bekamen die EU-Gegner in Umfragen Zulauf. Deren Ergebnisse setzten die europäischen Börsen vergangene Woche unter Druck, der Dax verlor 2,1 Prozent. Das Pfund Sterling fiel zeitweise auf ein Zweieinhalb-Monats-Tief von 1,4010 Dollar.

Der Swiss Market Index (SMI) avancierte zum Wochenschluss um 1,03 Prozent auf 7'713,61 Punkte, fuhr jedoch auf Wochensicht ein Minus von 2,6 Prozent ein. Im Gegenzug griffen immer mehr Investoren zu den als sicher geltenden Bundesanleihen. Dies drückte die Rendite der richtungweisenden Bundesanleihen am Dienstag erstmals unter die Marke von null Prozent. Die ihrer britischen Pendants rutschte von einem Rekordtief zum nächsten.

Der Dow Jones Industrial gab am Freitag um 0,33 Prozent auf 17 675,16 Punkte nach. Am Vortag hatte der US-Leitindex noch nach fünf Verlusttagen in Folge wieder etwas zugelegt. Auf Wochensicht bedeutet dies einen Verlust von 1,06 Prozent, nachdem der Dow zwischenzeitlich deutlich über 2 Prozent verloren hatte.

Es wird turbulent - so oder so

Sollten sich die Briten für einen Brexit aussprechen, rechnen Experten mit einem weltweiten Kurschaos und einer Abkühlung der Weltwirtschaft. Nick Parsons, leitender Anlagestratege der National Australia Bank, erwartet für diesen Fall eine Wiederholung des "Schwarzen Mittwochs". Am 16. September 1992 brach der Kurs des Pfund Sterling um 4,3 Prozent ein, und die Währung fiel aus dem Europäischen Wechselkurssystem. Insgesamt könnten die Kurse der britischen Währung und der Aktienmärkte um bis zu 30 Prozent einbrechen, warnten Experten.

Nach der Ermordung der britischen Parlamentsabgeordneten und EU-Befürworterin Jo Cox gingen Börsianer allerdings davon aus, dass die "Brexiteers" an Unterstützung verlieren. Zeugenaussagen zufolge rief der Täter bei der Attacke auf Cox "Britain first" ("Grossbritannien zuerst"). Das ist einer der Slogans der Brexit-Befürworter.

Auch an der Wall Street spielt das Referendum eine grosse Rolle. Ein Brexit könnte die US-Börsen derzeit besonders empfindlich treffen, weil die heimische Konjunktur sich abschwächt. "In einem Umfeld mit niedrigem Wachstum bekommen auch kleinere Probleme eine stärkere Bedeutung", sagte Portfoliomanager Eric Wiegand von U.S. Bank. Das heisst nach Auffassung von Marktexperten aber nicht, dass es zu einer Kursrally kommen wird, wenn die Briten sich für einen Verbleib in der EU entscheiden.

Neues Patt oder Linksruck in Spanien?

Drei Tage nach dem Brexit-Referendum steht das nächste Ereignis auf dem Terminplan, das die Kurse an den Börsen durcheinanderwirbeln könnte: die Parlamentswahl in Spanien. Vor allem ein Sieg des linken Wahlbündnisses Podemos würde Experten zufolge für Unruhe sorgen, weil er Spekulationen auf eine Abkehr vom Sanierungskurs neue Nahrung und den Bemühungen um eine Abspaltung Kataloniens neuen Auftrieb geben würde. Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen zufolge ist eine Zusammenarbeit der etablierten Parteien PP und PSOE allerdings wahrscheinlicher als ein Linksbündnis von PSOE und Podemos.

Am Mittwoch lädt Volkswagen zur Hauptversammlung ein. Auch hier könnte es turbulent werden. Wegen millionenschwerer Boni für Manager trotz Rekordverlusten im Zusammenhang mit der Abgas-Affäre werden zahlreiche Kleinaktionäre ihrem Ärger wohl Luft machen und gegen eine Entlastung des Vorstands stimmen. Ausserdem entscheidet die Hauptversammlung über die Einsetzung eines Sonderermittlers zur Aufarbeitung des Skandals um manipulierte Abgas-Tests. Unklar ist, ob die Eigentümer-Familien Porsche und Piech den Antrag unterstützen.

(cash/Reuters/AWP)