Atomaufsichtsbehörde ENSI gibt AKW Leibstadt grünes Licht

(Meldung ausgebaut) - Das seit Anfang August 2016 stillstehende AKW Leibstadt AG kann wieder ans Netz gehen. Die Atomaufsichtsbehörde ENSI hat die Freigabe erteilt. Das ENSI verfügte jedoch eine Leistungsreduktion sowie zusätzliche Überwachungs- und Sicherheitsmassnahmen.
16.02.2017 18:43

Der sichere Betrieb sei gewährleistet und die Anlage erfülle die Sicherheitsanforderungen des Gesetzgebers, teilte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) am Donnerstag auf seiner Website mit. Es gebe keinen Grund, warum das AKW seinen Betrieb nicht wieder aufnehmen könne.

Damit es in Zukunft nicht erneut zu unzureichend gekühlten Brennstäben kommt, so genannten Dryouts, ordnete die Aufsichtsbehörde eine Leistungsabsenkung bei den 84 Brennelementen an, die im kommenden Betriebszyklus neu eingesetzt werden. An den neuen Elementen beträgt die Leistungsabsenkung rund 20%. Im Reaktor befinden sich insgesamt 648 Brennstäbe.

Die thermische Leistung des Reaktors in Leibstadt wird gemäss ENSI zu Beginn des Betriebszyklus' bei maximal 95% liegen und bis Zyklusende Mitte September auf rund 88% sinken.

ZUSÄTZLICHE AUFLAGEN

Sollte es während des kommenden Betriebszyklus' trotz der Massnahmen zu einem Brennstabschaden und einem Auswaschen radioaktiver Stoffe in das Kühlmittel kommen, würde dies sofort von den Messsystemen registriert werden.

Als Auflage für die Freigabe zum Leistungsbetrieb legte das ENSI weiter fest, dass das AKW Leibstadt sofort heruntergefahren werden muss, wenn ein Anstieg von radioaktiven Abgasen festgestellt wird.

Diese Abgase würden gemäss der Aufsichtsbehörde auf einen Brennstabschaden hindeuten - unabhängig von der Ursache für den Schaden. Alle Brennelemente, die im Reaktorkern seien, müssten dann auf Dichtheit überprüft werden.

Normalerweise werde ein AKW wegen der "geringfügigen sicherheitstechnischen Bedeutung" nicht wegen eines Brennstabschadens heruntergefahren, erläutert das ENSI weiter. Bei der nächsten Jahresrevision würden die Brennelemente wieder einer erweiterten Inspektion unterzogen.

URSACHENFORSCHUNG

Bei kritischen Siedezuständen ist gemäss ENSI die Hüllrohroberfläche im Betrieb nicht mehr mit einem Kühlmittelfilm benetzt. Dadurch komme es lokal zu einem starken Anstieg der Oberflächentemperatur. Die erhöhte Oberflächentemperatur bewirke eine verstärkte Oxidation des Hüllrohrmaterials.

Im August waren bei den Brennstoffinspektionen im AKW Leibstadt solche lokalen Verfärbungen als Anzeichen für Oxidation an mehreren Hüllrohren der Brennelemente entdeckt worden. 47 Elemente wiesen solche Verfärbungen auf.

Das Phänomen der kritischen Siedezustände gab es seit den Jahren 2011/12, wie die Untersuchungen aufzeigen. Die Dryouts seien ausschliesslich an leistungsstarken Brennelementen in ihrem ersten Einsatzjahr im Reaktor aufgetreten. Gleichzeit lief der Reaktor in einem hohen Leistungsbetrieb.

"KLARES MUSTER"

Die Ursachenforschung zeige "ein klares und plausibles Muster bei den relevanten Einflussgrössen", wird Ralph Schulz, Leiter des Fachbereichs Sicherheitsanalysen des ENSI, zitiert. Man kenne die Bedingungen, unter denen ein Dryout im AKW auftrete.

Aus diesem Muster habe die AKW-Betreiberin, die Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL), Massnahmen abgeleitet, die ein erneutes Auftreten von kritischen Siedezuständen verhindern sollten. Das ENSI prüfte diese Massnahmen und beurteilte sie als "anforderungsgerecht".

Das heisse, dass die Auslegung und der Betrieb des Reaktorkerns nun so gestaltet seien, dass die Bedingungen, die in den letzten Betriebszyklen zu lokalen Dryout-Befunden geführt hätten, nicht mehr auftreten würden, führte das ENSI weiter aus.

Das AKW Leibstadt werde "in den nächsten Tagen" nach erfolgreicher Durchführung aller Sicherheitstests den Leistungsbetrieb wieder aufnehmen, teilte die KKL mit. Der lange Stillstand dürfte zu Betriebsausfallkosten von rund 180 Mio CHF führen.

HARSCHE KRITIK

Die Bewilligung zum Wiederanfahren des AKW stösst auf heftige Kritik. Greenpeace wirft dem ENSI vor, gegen jegliche Sicherheitsgebote zu verstossen. Die Atomaufsichtsbehörde handle gegen besseres Wissen und verstosse gegen die eigenen Grundsätze.

Auch die Energiestiftung Schweiz geht mit dem ENSI scharf ins Gericht. Die Sicherheitsmassnahmen folgten dem Prinzip "Trial and Error" - Versuch und Irrtum - auf Kosten einer reduzierten AKW-Sicherheit, teilte die Energiestiftung SES am Donnerstag mit.

Die Ursachen für die Oxidation der Brennstäbe, dem Dryout, seien weiterhin ungeklärt. Ob die vom ENSI verfügte Leistungsreduktion die Ursache tatsächlich bekämpfe, bleibe offen. Das AKW fahre auf Sicht, "sprich der Betreiber versucht die Dryouts im laufenden Betrieb in den Griff zu bekommen".

Doch ohne abgeschlossene Ursachenanalyse bestehe auch weiterhin keine Gewissheit, dass die Integrität der Schutzbarriere vollständig gewährleistet sei, warnt die SES.

Just am selben Tag wurde eine von 16'000 Personen unterzeichnete Petition einem Vertreter des ENSI überreicht, die eine restlose Aufklärung der Ursachen für die Probleme des AKW fordert.

cp/

(AWP)