Aufsteiger Brasilien wird zum Sorgenkind

Brasilien steckt in der tiefsten Rezession seit mehr als 100 Jahren und ist zu einem der grössten ökonomischen und politischen Sorgenkinder in der Welt geworden. Was ist los mit dem Land?
30.03.2016 19:50
Die Arbeitslosigkeit in Brasilien ist binnen eines Jahres um 42 Prozent gestiegen.
Die Arbeitslosigkeit in Brasilien ist binnen eines Jahres um 42 Prozent gestiegen.
Bild: Bloomberg

Vor wenigen Jahren noch galt Brasilien als einer der grossen Emporkömmlinge der Weltwirtschaft und trat auf der internationalen Bühne entsprechend selbstbewusst auf. Als Mitglied des G20-Clubs der führenden Industrie- und Schwellenländer und zugleich der Top-Schwellenländer-Gruppe Brics tat sich der Aufsteiger häufig als Kritiker der grossen Industrieländer hervor - etwa in der Geld- und Finanzpolitik. Im Internationalen Währungsfonds (IWF) rückte das Land kürzlich zu einem der zehn wichtigsten Anteilseigner auf.

Inzwischen steckt Brasilien aber in der tiefsten Rezession seit mehr als 100 Jahren und ist zu einem der grössten ökonomischen und politischen Sorgenkinder in der Welt geworden. Und wegen Korruptionsvorwürfen wächst der Druck auf Präsidentin Dilma Rousseff. Nach dem Bruch der Regierungskoalition und einem laufenden Amtsenthebungsverfahren scheinen die Tage ihrer Regierung gezählt.

Die Momentaufnahme ist für Brasilien desaströs. Die Zahl der Arbeitslosen stieg Ende Januar dem Statistikamt IBGE zufolge auf einen Langzeitrekord von 9,6 Millionen Menschen - eine Zunahme von 42 Prozent binnen eines Jahres. Fast 10 Prozent der erwerbsfähigen Brasilianer ist inzwischen nach offiziellen Zahlen ohne Job. Die Inflation stieg im vergangenen Jahr über die 10-Prozent-Marke, während die Notenbank versucht, mit höheren Zinsen die Teuerung zu dämpfen.

Stark revidierte Wachstumsschätzungen

Bei der jüngsten Revision der IWF-Wachstumsschätzungen war Brasilien eines der Länder, bei dem die Prognosen am stärksten zurückgenommen wurden - und zwar um rund 2,5 Prozentpunkte für dieses und das nächste Jahr. Inzwischen rechnet der Fonds im laufenden Jahr mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 3,5 Prozent, fast so viel wie im Vorjahr mit 3,8 Prozent. Und ob das Land im kommenden Jahr zumindest die Nulllinie schafft, wie vorausgesagt, hält selbst der IWF für alles andere als gesichert. 

Zugleich stützte der Staatshaushalt im vorigen Jahr auf ein Defizit von fast 8 Prozent ab. Die Rating-Agentur Moody's und andere Finanzbewerter stuften die Kreditwürdigkeit des Landes auf Ramsch-Niveau herab. Ausländische Investoren, wie General Motors, überdenken inzwischen Grossvorhaben im Land.

Rousseff vor dem Aus

Die Probleme für die linke Präsidentin Rousseff werden derweil immer dunkler und drohen das Land auch politisch in den Abgrund zu stürzen. Inzwischen hat auch die brasilianische Anwaltskammer OAB ein Amtsenthebungsverfahren gegen sie beantragt. Dabei läuft schon eines, weil Rousseff gegen Haushaltsregelung verstossen haben soll. Darüber hinaus stehen sie und viele ihrer prominenten Wegbegleiter aus ihrem Umfeld wie ihr Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva unter massivem Korruptionsverdacht. Dabei war Rousseff 2010 und mehr noch 2014 gerade von vielen der Armen im Land mit grossen Hoffnungen in ihr Amt gewählt worden. Diese reagieren aber nun umso enttäuschter.

Das Rezept, mit internationalen Grossereignissen, wie der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen im August die wachsende Protestwelle einzudämmen, funktioniert offenbar nicht mehr. Schlimmer noch: der Umgang mit Milliardensummen, die in die Fussball-WM gesteckt wurden und auch in Olympia fliessen, nährt weitere Kritik. Rousseff wird zudem vorgeworfen, über diese Prestigeobjekte sozialpolitische Aufgaben zu vernachlässigen. Seinen Aufstieg in der Weltwirtschaft hat Brasilen damit erst einmal gestoppt.

(Reuters)