Ausblick 2013: «Ich setze auf Immobilien»

Gian Gilli hofft auf ein Ja der Bündner zur Winterolympiade 2022. Der «Mister Olympia» über den hiesigen Tourismus, den Schweizer Skisport - und wie er sein Geld anlegt. Teil zwei der cash-Interviewserie zum Jahresende.
18.12.2012 08:00
Interview: Frédéric Papp
Sportdirektor von Swiss Olympic Gian Gilli in einer Aufnahme vom März 2012.
Sportdirektor von Swiss Olympic Gian Gilli in einer Aufnahme vom März 2012.

Bis Ende dieser Woche veröffentlicht cash jeden Tag ein Interview mit bekannten Leuten aus der Schweizer Wirtschaftwelt und mit Menschen, die sich mit Finanzmärkten beschäftigen. Sie halten Rückschau auf das ablaufende Jahr und werfen einen Blick auf 2013. Heute: Gian Gilli, Sportdirektor von Swiss Olympic.

 

cash: Herr Gilli, was war Ihr schönstes Erlebnis im 2012?

Gian Gilli: Ganz klar die Medaillengewinner der Schweizer Sportler an den Olympischen Spielen in London. Ein eindrückliches Erlebnis war aber auch das Verhalten jener Schweizer Sportler, die als Medaillenhoffnungen galten, aber die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Sie zeigten menschliche Grösse, trotz der Niederlage.

Und worauf hätten Sie am liebsten verzichten können?

Während den Olympischen Spielen in London musste ich den Fussballspieler Michel Morganella nach unwürdigen Äusserungen gegenüber der Fussballmannschaft von Südkorea und dessen Landsleute nach Hause schicken. Dies war ein zwingender, aber unangenehmer Schritt. Mir tat es leid für Morganella, das Schweizer Fussballteam und den Fussball im Allgemeinen.

Sie werden "Mister Olympia" genannt. Gefällt Ihnen der Titel?

Nein, ich fühle mich eher unwohl, wenn man mich so nennt. Denn hinter einem erfolgreichen Sportevent steckt eine ganze Organisation. Es  ist nicht fair den anderen gegenüber, wenn sich alles auf meine Person konzentriert. Aber das bringt der Job mit sich. Dazu gehört auch, dass ich den Kopf hinhalten muss, wenn etwas schief läuft.

Sie wollen die Olympischen Winterspiele 2022 nach Graubünden bringen. Am 3. März 2012 stimmt das Bündner Volk für eine Kandidatur ab. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es ein Ja gibt?

Ich bin optimistisch. Ich bin immer optimistisch und sehe das Glas stets als halb voll statt als halb leer an. Es gibt aber noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten...

...im Moment ist in etwa jeder zweite Bündner gegen eine Kandidatur...

Ja, es herrscht eine Pattsituation. Ich habe auch vollstes Verständnis, dass man skeptisch ist und genau hinschaut. Pro- und Kontra-Argumente sollen gegeneinander abgewogen werden. Ich hoffe, dass die Pro-Argumente überwiegen und wir gewinnen werden. Denn es wäre schon ein Gewinn, wenn man die Kandidatur in zwei Jahren einreichen könnte. Eine Kandidatur würde sehr viel Positives auslösen und die Durchführung der Spiele würde dann richtig für Entwicklungsschub sorgen. Daher hoffe ich, dass uns das Volk am 3. März das Vertrauen schenkt.

Von den Skeptikern wird der fehlende nachhaltige ökonomische Nutzen ins Feld geführt. Was entgegnen Sie diesen?  

Es gibt viele ökonomische Vorteile. Nur schon für den Kanton Graubünden hat man 1,8 Milliarden Franken an Wertschöpfung berechnet. Man kalkuliert mit einer Million zusätzlichen Übernachtungen. Auch das Gewerbe dürfte eine Vielzahl von Aufträgen rechnen. Nicht zuletzt spülen die Spiele zusätzliche Steuereinnahmen von zirka 100 Millionen Franken für den Kanton und in etwa 500 Millionen beim Bund in die Kassen. Diese Zahlen basieren auf Erfahrungen von anderen Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.

Aber dies sind bloss einmalige Effekte.

Selbstverständlich ebbt die Wertschöpfung nach den Olympischen Spielen teils ab – das ist aber immer so nach grossen Veranstaltungen. Umso entscheidender ist es, die Strukturen im Vorfeld der Spiele so weiterzuentwickeln, dass auch ein nachhaltiger ökonomischer Nutzen bleibt.

Konkret: Wie viele Arbeitsplätze würden nach den Olympischen Spielen in der Region erhalten bleiben?

Ich kann ihnen zum aktuellen Zeitpunkt keine konkrete Zahl nennen. Bis anhin haben wir die ökonomischen Effekte bis 2022 errechnet. Derzeit ist man daran, die nachhaltigen Effekte zu kalkulieren. Die Ergebnisse werden Mitte Januar 2013 bekannt sein.

Was würde ein Nein am 3. März für Sie persönlich bedeuten?

Als Sportler verliert man nie gerne, akzeptiert aber Niederlagen. Aber ich wäre schon sehr enttäuscht. Immerhin können wir dann sagen: Wir haben es versucht. Unsere geleistete Arbeit wäre aber nicht für vergebens’. Denn die erhobenen Daten werden dem Kanton ohnehin zur Verfügung gestellt. Dies können als Basis für Infrastruktur-, Verkehrs-, Sicherheits- und Tourismusentwicklung genutzt werden.

Was wäre denn für Sie ein gutes Abstimmungsresultat?

57 Prozent Ja-Stimmen. Ich weiss, dies ist ein ambitioniertes, optimistisches Ziel. Aber mein Bauch sagt mir, dass es möglich ist.

Wie gross schätzen Sie die Chancen ein, dass Graubünden den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2022 erhält?

Nach wie vor 50:50.

Sie waren viele Jahre Chef Leistungssport im Skisport. Der aktuelle Saisonstart gleicht einem Debakel. Was ist los mit den Schweizer Ski-Athleten?

Die Sachlage ist sehr komplex. Fest steht, wir haben vielversprechende Hoffnungsträger wegen Verletzungen verloren. Dies ist umso gravierender, weil es momentan nicht gelingt, junge Athleten an die Spitze zu führen. Wir haben viele Jahrgänge, die fehlen.

Ist das Förderbudget womöglich zu klein?

Nicht unbedingt, aber es braucht in der Nachwuchsförderung eine bessere Abstimmung zwischen den Leistungsstufen und mehr Geduld.

Der starke Franken macht den Touristikern das Leben schwer. Müsste die SNB den Mindestkurs von 1,20 Franken erhöhen?

Nein, die SNB hat mit der Verteidigung des Mindestkurses schon alle Hände voll zu tun und macht diesbezüglich einen guten Job. Was die Schwierigkeiten im Tourismus angehen, darf man nicht alles auf den starken Franken schieben. Das Problem liegt auch im teils mangelnden Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Dienstleistungsqualität stimmt in der Schweiz teilweise nicht. Die Qualität der Infrastruktur – namentlich der Hotels – ist zum Teil nicht mehr konkurrenzfähig. Der Schweizer Tourismus muss fitter werden, und zwar in der gesamten Dienstleistungskette.

Das sind harte Worte an die Adresse des Tourismus.

Ja, aber notwendige. Ich bin zwar kein Tourismusexperte, lebe aber in einem Tourismusgebiet und habe im Rahmen der Olympiakandidatur 2022 viel mit dieser Branche zu tun. Schauen Sie, früher waren St. Moritz, Arosa oder Davos Leuchttürme des Wintertourismus. Ist es heute immer noch so? Nein, andere Staaten haben uns eingeholt oder gar überholt. Anstatt Millionen von Geldern ins weltweite Marketing zu stecken, sollte man einen Teil der Gelder besser vor Ort investieren, sprich in die Dienstleistungsqualität. Wenn das Ambiente stimmt, dann bindet dies den Gast an einen Ort.

Wie investiert denn "Mister Olympia" sein Geld?

Ich stecke mein Geld ausschliesslich in Schweizer Immobilien. Ich habe zwei Häuser. Eines in Risch im Kanton Zug und eines im Oberengadin.

Wieso stecken Sie Ihr Geld nur in Immobilien?

Weil ich das Gefühl habe, dass es darin sicher angelegt ist. Es ist wertvermehrend, schützt gegen Inflation und ist eine gute Anlage für meine Kinder. Von Aktien halte ich derzeit Abstand, weil ich schlicht keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.

Aber gerade im Kanton Zug und im Oberengadin gilt der Immobilienmarkt als überhitzt. Haben Sie keine Angst vor einer Immobilienblase?

Ich bin nicht so hoch verschuldet, und wenn die Zinsen einen 'Gump' nach oben nehmen, dann haut es mich nicht gleich um (lacht).

Was ist Ihr grösster Wunsch für das 2013?

Dass das Bündner Volk am 3. März unser Projekt für die Olympischen Winterspiele 2022 deutlich annimmt.

 

Gian Gilli ist Sportdirektor von Swiss Olympic und operativer Leiter für die Kandidatur "Olympische Winterspiele Graubünden". Im Winter 2010 war er Headcoach für das Swiss Olympic Team in Vancouver. Gilli war langjähriger Trainer und Chef Leistungssport von Swiss-Ski und organisierte die Hockey-WM 2009 in Bern und Kloten sowie die Ski-WM 2003 in St. Moritz.

Bisher erschienen:

Stefan Meierhans (Preisüberwacher): «Bessere Konjunktur als in Europa» (Montag, 17.12.2012)