Ausblick zweites Halbjahr - Was Aktienanleger jetzt wissen müssen

Investoren an den weltweiten Aktienmärkten hatten eine sehr gute erste Jahreshälfte, mit Renditen, wie es sie seit Jahren nicht gab. Wie geht es weiter? Einschätzungen des Finanzexperten Mohamed A. El-Erian.
09.07.2017 10:14
Mohamed A. El-Erian war CEO von Pimco und ist nun Berater bei der Allianz.
Mohamed A. El-Erian war CEO von Pimco und ist nun Berater bei der Allianz.
Bild: Bloomberg

Mehrere wichtige Länderindizes verzeichneten Rekordhochs vor dem Hintergrund einer auffallend schwachen Volatilität. All das ging einher mit einigen Spannungen und Veränderungen, die wohl Einfluss darauf haben werden, in welcher Stimmung die Investoren das Jahr abschliessen werden. Im Folgenden ein paar wichtige Dinge, die Anleger über die jüngsten Entwicklungen wissen sollten, und einige Einflussfaktoren, die die Aussichten für den Rest des Jahres bestimmen:

Wir hatten eine allgemeine, weltweite Aktienmarktrally: Einer Analyse des Wall Street Journal zufolge haben von den 30 wertmässig grössten Aktienmärkten 26 in der ersten Jahreshälfte Gewinne verzeichnet (die Ausnahmen waren Kanada, China, Israel und Russland). Global gesehen war das die beste Halbjahresentwicklung seit der unmittelbaren Erholung von den Tiefen der weltweiten Finanzkrise 2008-2009.

Etwa die Hälfte der 30 Märkte hat den Juni auf oder nahe Rekordhoch beendet. Die Sektorentwicklung variierte, die Führung wechselte: Im S&P 500, dem weltweit grössten Markt, verzeichneten elf Sektoren Gewinne. Aber die Streuung war stark, sowohl insgesamt als auch innerhalb bestimmter Segmente - ungeachtet des anhaltenden Trends zum passiven Investment und dem Erfolg von Index-ETFs.

Technologie- und Gesundheitswerte führten mit Erträgen von jeweils 17 Prozent; der Telekomsektor dagegen verlor 13 Prozent, Energie 14 Prozent. Amazon stiegen, während viele traditionelle Einzelhändler schwächelten. Trotz des jüngsten Anstiegs, der dem Gesamtmarkt half, den Tech-Einbruch vom Juni auszugleichen, erreichten die Finanzwerte nur ein knappes Plus.

Kleinere Titel im Hintertreffen

Und auch auf die Grösse kam es an. Während Dow und S&P acht Prozent und der Nasdaq 14 Prozent zulegten, gab der Russell Small Cap Index rund fünf Prozent nach. Die Markttreiber wechselten, aber es bleibt unklar, was dem Trend Nachhaltigkeit verleihen könnte. Zu Jahresbeginn waren die Märkte stark getrieben von der Hoffnung, dass die US-Politik das Wirtschaftswachstum und damit auch die Unternehmensgewinne stützen würde.

Doch die politische Entscheidung, erst die Gesundheitsreform durch den Kongress zu bringen, hat die Steuerreform und das Infrastrukturthema erst einmal in den Hintergrund treten lassen. Während sich "weiche Daten" wie die Indizes für den Optimismus von Firmen und Privathaushalten verbesserten, blieben die "harten Daten" schwach.

Der potenziell negative Einfluss der Verzögerung von konjunkturfördernden Politikmassnahmen wurde von zwei anderen Faktoren ausgeglichen: zum einen Daten, die auf eine korrelierte weltweite Reflation hindeuten (was inzwischen eher temporär zu sein scheint), und zum anderen die anhaltenden Liquiditätsspritzen.

Die Liquidität im Fokus

Vergessen Sie ökonomische und politische Fundamentalfaktoren - auf die Liquidität kommt es an. Die Liquiditätsspritzen waren in der ersten Jahreshälfte wieder einmal das, was für die Händler und die Investoren am meisten zählte und was nicht nur den ökonomischen Gegenwind, sondern auch den von geopolitischer, institutioneller und politischer Seite aufhob.

Die üppige Liquidität kam aus drei Quellen. Einmal die Rekordgewinne von Unternehmen, die weitere Aktienrückkäufe und höhere Dividendenausschüttungen zur Folge hatten, so auch von Banken in der letzten Woche, nachdem sie von der Aufsicht grünes Licht dafür bekommen hatten.

Zweitens eine erhöhte Ungleichheit, die weiter dazu führt, dass ein erheblicher Teil der höheren Gewinne in der Volkswirtschaft wohlhabenderen Haushalten zugute kommen, die eher geneigt sind, an den Finanzmärkten zu investieren. Und drittens die Fortsetzung der ultra-stimulierenden Zentralbankpolitik, darunter bedeutende monatliche Wertpapierkäufe der japanischen Notenbank und der EZB.

Weniger Vertrauen in Fundamentaldaten

Andere Marktsignale deuten dagegen eher auf ein geringeres Vertrauen in die ökonomischen Fundamentaldaten hin. So haben die Renditen zehnjähriger US-Treasuries, nachdem sie in der ersten Jahreshälfte in einer Spanne von knapp 60 Basispunkten handelten, zum Schluss bei 2,30 Prozent gelegen, etwas unter ihrem Stand zu Jahresbeginn von 2,44 Prozent.

Derweil hat sich der Renditeunterschied zu deutschen Bundesanleihen deutlich eingeengt. Noch auffälliger war die Abflachung der Renditekurve, was gewöhnlich ein Indikator für eine bevorstehende Konjunkturabkühlung ist. Zugleich gab der Dollar seine nach der US-Wahl verzeichneten Gewinne mehr als ab, und die Ölpreise schlossen 14 Prozent niedriger, weil den Sorgen wegen des Angebots kaum Optimismus in Bezug auf die Nachfrage gegenüberstand.

Währenddessen verstärkte sich der Kontrast zwischen den beiden Hauptmerkmalen einer Liquiditätsrally: Zum Ende des ersten Halbjahres verschärfte sich das Tauziehen zwischen Crowded Trades und einer "Bei Schwäche kaufen"-Einstellung der Investoren.

All das lässt einen spannenden weiteren Jahresverlauf erwarten, wobei Händler und Investoren folgendes aufmerksam beobachten müssen:

  • Den anhaltenden Einfluss von Liquidität, vor allem weil mehrere systemrelevante Zentralbanken (darunter die Bank of England, die EZB und die Federal Reserve) vermutlich in Richtung einer vorsichtigen Reduzierung ihrer Stimuluspolitik steuern werden.
  • Den Übergang von Liquidität zu nachhaltigeren Einflussfaktoren von Assetpreisen, insbesondere Wachstumspolitiken in den USA und Europa.
  • Das Ausmass, in dem bestimmte Pooling-Vehikel wie High-Yield- oder Schwellenländer-ETFs den Händlern und Investoren zu viel jederzeit verfügbare Liquidität in Aussicht gestellt haben, was Ansteckungsrisiken verursacht.

 

(Diese Kolumne gibt nicht notwendigerweise die Meinung des Editorial Board oder von Bloomberg LP und seinen Eigentümern wider.)

(Bloomberg)