AutobauerAuch Porsche stellt die Diesel-Frage

Der Sportwagenhersteller Porsche denkt als erster deutscher Autobauer über einen Abschied vom Diesel nach.
23.07.2017 10:40
Bei Porsche ist nur jedes sechste verkaufte Fahrzeug ein Diesel: Ein 911 Targa.
Bei Porsche ist nur jedes sechste verkaufte Fahrzeug ein Diesel: Ein 911 Targa.
Bild: pixabay.com

"Wir beschäftigen uns natürlich mit diesem Thema", sagte Porsche-Chef Oliver Blume in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die für die IAA im September angekündigte Neuauflage des Porsche Cayenne werde wie schon für die Limousine Panamera auch einen Diesel angeboten.

"Für die Generationen, die danach kommen, gibt es verschiedene Szenarien", ergänzte Blume. Vor Kurzem hatte bereits Volvo-Chef Hakan Samuelsson erklärt, wegen steigender Kosten keine neue Generation Diesel-Motoren mehr zu entwickeln. Die anderen Hersteller kämpfen aber weiter um den Selbstzünder.

Der Diesel wird von Neuwagenkäufern zunehmend gemieden. Im Juni brachen die Neuzulassungen von Diesel-Pkw in Deutschland um neun Prozent ein, der Marktanteil schrumpfte auf gut 41 Prozent. Denn zum Imageschaden durch die Manipulation von Abgaswerten beim Porsche-Mutterkonzern Volkswagen kam die Sorge über Fahrverbote in deutschen Grossstädten hinzu.

Nach Messungen bei einzelnen Modellen ist sogar nach dem neuesten Schadstofflimit Euro 6 der Stickoxid-Ausstoss auf der Strasse um ein Vielfaches höher als vorgeschrieben. Ältere Autos der Norm Euro 5 schneiden zum grossen Teil ebenfalls schlecht ab.

Unterschiedliche Folgen für die Hersteller

Stuttgart, München oder Hamburg zogen deshalb Fahrverbote für ältere Dieselwagen in Betracht, um die Luft sauberer zu bekommen und Klagen von Umweltlobbies und Anwohnern zu begegnen. Nach langem Zögern wurde auch der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt aktiv. Am 2. August soll im neu geschaffenen "Nationalen Forum Diesel" über eine Nachrüstung von Dieselautos beraten werden, die Fahrverbote überflüssig machen würde.

Für den Sportwagenbauer aus Stuttgart wäre der Abschied vom Dieselmotor nicht so folgenreich wie für Volkswagen als Massenhersteller oder die Premiumautobauer Daimler und BMW. Bei Porsche ist nur etwa jedes sechste verkaufte Fahrzeug ein Diesel.

Bei BMW ist es weltweit ein Anteil von 35 Prozent, in Europa fahren gut zwei von drei verkauften Autos des Münchner Konzerns mit Diesel. So hoch ist der Anteil auch bei der VW-Premiumtochter Audi. Porsche entwickelt und baut nicht selbst die Dieselmotoren, sondern bezieht sie von der Konzernschwester Audi. Deshalb hängen in Zuffenhausen nicht Tausende Arbeitsplätze von der Technologie ab.

Politik ist mitschuldig

Der rasante Anstieg des Diesel-Angebots in den vergangenen Jahren war Folge der EU-Politik, die sich ganz auf das Eindämmen des Klimakillers Kohlendioxid fixierte. Die Vorgaben zu CO2-Werten können die Autokonzerne aber nur dank der spritsparenden Dieselautos einhalten. Die Politik lieferte mit niedrigeren Spritsteuern im Vergleich zum Benzin Kaufanreize. Auch Porsche mit seinen PS-starken Sportwagen ist darauf angewiesen. "Zumindest in Europa, hier werden wir den Diesel auch in Zukunft brauchen", sagte Blume. Die Nachfrage sei nach wie vor sehr hoch. "Zudem gibt es keinen Grund, den Diesel an sich zu verteufeln", betonte Blume.

Der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) wies zusammen mit dem Ifo-Institut auf die grosse Bedeutung der Verbrennungsmotoren für die Wirtschaft hin. Rund 600.000 Arbeitsplätze hängen dem Ifo zufolge direkt oder indirekt von Diesel- und Benzinmotoren ab. Das seien zehn Prozent der Industriearbeitsplätze in Deutschland. VDA-Chef Matthias Wissmann betonte aber, der Elektro-Antrieb werde dennoch vorangetrieben: "Beide sind notwendig, wenn man die ambitionierten Klimaschutzziele erreichen will."

Die Autoindustrie verspricht, die Abgasprobleme sollten bald der Vergangenheit angehören. Denn die neuesten Motoren müssen nach den ab Herbst geltenden schärferen Vorschriften zu den Messverfahren sauberer werden. Die Hersteller hoffen, dass sich die Dieselnachfrage dadurch wieder fängt. Denn sie brauchen die Gewinne, um die Milliardeninvestitionen in Elektroautos stemmen zu können.

Unter dem Druck noch niedrigerer Grenzwerte für das Klimagas CO2 in der EU nach 2021 und schärferen Vorschriften im weltgrössten Automarkt China arbeitet die Industrie fieberhaft an neuen Elektromodellen - vom Supersportwagen Mission E bei Porsche bis zum massentauglichen Elektro-Kleinwagen bei VW. Da die Batterien aber erst in einigen Jahren billiger werden und Ladeinfrastruktur erst noch aufgebaut werden muss, dauert es noch bis zum kommenden Jahrzehnt, bis die Elektrowelle anrollt. Daimler und VW peilen einen Absatzanteil von etwa einem Viertel bis 2025 an. Ob der Diesel bis dahin noch als Cash-Cow erhalten bleibt, entscheidet sich jetzt.

(Reuters)