«Bei Handelskriegen muss man sich um US-Wirtschaft Sorgen machen»

Im cash-Video-Interview erklärt Schroders-Chefökonom Keith Wade, warum von Donald Trump ausgelöste Handelskriege mit anderen Ländern schädlich für die US-Wirtschaft und die Börsen sein könnten.
17.11.2016 18:45
Von Daniel Hügli, London
Keith Wade, Chefökonom von Schroders, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

Sie ist nicht mehr so ausgeprägt, aber noch immer lebendig: Die Trump-Rallye an den Börsen. Als Reaktion auf den überraschenden Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentenwahl hatten Börsen in Europa in den vergangenen Tagen zeitweise 6 Prozent zugelegt. Der Dow Jones markierte sogar ein Rekordhoch. 

"Die Leute sind optimistisch eingestellt, sie glauben an mehr Wachstum und Deregulierung. Das hat vor allem dem Bankensektor geholfen", sagt Keith Wade, Chefökonom beim britischen Vermögensverwalter Schroders, im cash-Video-Interview mit Blick auf die Börsen. Triebfeder der Rally war hauptsächlich die Hoffnung auf einen US-Wirtschaftsboom durch das im Wahlkampf angekündigte milliardenschwere Konjunkturprogramm. 

Der Optimismus an den Märkten ist laut Wade ein kurzfristig gutes Zeichen. Doch im nächsten Jahr stellt sich die grosse Frage, welche wirtschaftliche Linie die Trump-Regierung fahren wird. Denn Trump drohte mit Strafzöllen, um die US-Wirtschaft zu schützen. Viel vom künftigen Verlauf der Aktienmärkte hängt deshalb davon ab, ob Trump seine protektionistischen Pläne umsetzen wird.

Falls ja, "dann wäre ich ziemlich besorgt um die US-Wirtschaft", sagt Wade. Denn solche Pläne führten zu Handelskriegen, die oft in einer Stagflation endeten. Dann könnten laut Wade auch die Aktienmärkte zurückfallen.

Zinsängste als Gefahr

Anlass zu Besorgnis an den Märkten könnten auch schärfere Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve im nächsten Jahr geben. Die Fed hatte den Leitzins zuletzt Ende 2015 erhöht und danach weiter in der Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent gehalten. Da mittlerweile de facto Vollbeschäftigung herrscht und die Inflation nicht mehr weit vom 2-Prozent-Ziel der Notenbank entfernt ist, dürfte die Zeit für eine geldpolitische Straffung nach Ansicht vieler Experten gekommen sein.

Eine weitere Zinserhöhung im Dezember gilt daher an den Märkten als ausgemacht, spätestens nachdem Fed-Chefin Janet Yellen am Donnerstag sagte, dass eine Anhebung "relativ bald" angebracht sein könnte. Terminmarktkontrakte zeigen an, dass die Marktteilnehmer einer Leitzinsanhebung der US-Notenbank im Dezember eine Wahrscheinlichkeit von 96 Prozent beimessen, nach 68 Prozent Anfang des Monats. 

Eigentlich will die US-Notenbank schrittweise und behutsam vorgehen. Wade sieht auch einen Grund, weshalb die US-Notenbank vorsichtig agieren wird im nächsten Jahr. "Die Fed wird die Zinsen im 2017 noch einmal erhöhen, aber nicht zu fest, weil sich die US-Wirtschaft im nächsten Jahr wahrscheinlich abkühlen wird." 

Viele Investoren erwarten aber eine steigende Inflation, da Trump Steuersenkungen und höhere Ausgaben angekündigt hat. Steigende Zinsen bremsen die Inflation. Erwartungen, dass die Ausgabenpläne von Trump mehr Inflation auslösen werden und geldpolitische Straffungen wahrscheinlicher machen, führten zu einem Ausverkauf bei Staatsanleihen. Der Global Broad Market Index von Bank of America ist im November bislang um 1,5 Prozent gefallen und läuft damit auf den stärksten Monatsverlust seit Mai 2013 zu.

Tritt Yellen ab?

Zuletzt war offen auch darüber spekuliert worden, dass die Fed unter Trump stärker unter Druck geraten könnte. Der Republikaner hatte im Wahlkampf angekündigt, Yellen nach Ablauf ihrer Amtszeit 2018 nicht für weitere vier Jahre nominieren zu wollen. Er warf ihr vor, die Zinsen auf Geheiss des noch amtierenden demokratischen Präsidenten Barack Obama künstlich niedrig zu halten, um das Platzen einer Preisblase an der Wall Street während dessen Amtszeit zu verhindern.

Keith Wade glaubt schon, dass Yellen zurücktreten wird, "aber nicht vor Ende ihrer Amtsperiode im Februar 2018. Träte sie früher zurück, würden die Märkte auf eine Zerreissprobe gestellt", sagt Wade. Trump wisse um diesen Umstand und werde wohl geduldig sein. Yellen selber hat die Absicht, bis zum Ende der laufenden Amtszeit an der Spitze der US-Notenbank Fed zu stehen, wie sie am Donnerstag bei einer Anhörung vor einem Kongressausschuss sagte. 

Schauen Sie hier das cash-Video-Interview mit Schroders-Chefökonom Keith Wade.

Artikel und Video-Interview entstanden im Rahmen einer Pressereise, zu der Schroders eingeladen hatte. Artikel geschrieben mit Material von Reuters.