«Bewertung von US-Aktien ist gerechtfertigt»

Douglas Burtnik vom Aberdeen Asset Management sieht Vorteile bei kleiner kapitalisierten Aktien aus den USA. Im Interview sagt er, weswegen sich US-Aktien lohnen und wie er die Fed und die Präsidentenwahl einschätzt.
01.06.2016 15:16
Von Marc Forster
Douglas Burtnick leitet bei Aberdeen Asset Management den Bereich Nordamerika-Aktien.
Bild: cash

Im Gegensatz zur Schweiz, wo die klein und mittelgross kapitalisierten Unternehmen die Blue Chips an der Börse hinter sich gelassen haben, haben sich Small und Mid Caps in den USA innert Jahresfrist schlechter entwickelt als die Large Caps. "Wir sehen aber genau dort die Gelegenheiten", sagt Douglas Burtnick im cash-Video-Interview. Burtnick ist Fondsmanager und leitet für den britischen Vermögensverwalter Aberdeen Asset Management die Abteilung für nordamerikanische Aktien.

Die schon in diesem Monat erwartete nächste Zinserhöhung der Notenbank Federal Reserve wertet er als gutes Zeichen: "Die Fed erhöht die Zinsen ja dann, wenn es der Wirtschaft gut geht und sich die Dinge so entwickeln, wie das für die Unternehmen gut ist." Er geht davon aus, dass Small Caps mit einem Marktgewicht von 300 Millionen bis 3 Milliarden Dollar in nächster Zeit den Trend gegenüber den gross kapitalisierten Werten umdrehen und stärker als diese performen werden.

Die Lage amerikanischer Firmen schätzt er als gut ein: "US-Unternehmen haben ihre Bilanzen gestärkt und verfügen über mehr Liquidität", sagt Burtnik. Sie profitierten auch von den tiefen Zinsen, mit denen sie sich längerfristige Kredite sichern konnten.

KGVs schrecken nicht ab

Aberdeen listet weitere Gründe auf, die den Small Caps nützen. Ihr starker Bezug auf die Binnenwirtschaft mache sie unempfindlich gegenüber Währungschwankungen. Die Fusions- und Übernahmetätigkeit sei bei den kleineren Unternehmen ausgeprägt und die Gewinne stiegen an. Der Konsumlaune der Amerikaner ist intakt.

Im Umstand, dass die Margen noch eher unter ihren Höchstständen sind, sieht der Vermögensverwalter Potential. Der "North American Smaller Companies Fund" von Aberdeen hat bis Ende März innert Jahresfrist 7 Prozent Rendite erzielt, liegt aber um 10,4 Prozent unter dem Benchmark, der hier der amerikanische Small-Cap-Index Russell 2000 ist.

Beim Einwand, US-Aktien seien teurer als europäische, winkt Douglas Burtnick ab; Höhere Bewertungen der US-Aktien gegenüber europäischen sind für ihn kein Hindernis. Genaugenommen seien die Unterschiede gar nicht so gross: "Sektorenspezifisch sind die Bewertungen eher ähnlich, wenn man die Strukturen der beiden Wirtschaftsräume einander angleicht."

Die damit noch leicht höheren Kurs-Gewinn-Verhältnisse in Nordamerika seien angesichts der guten Aussichten der dortigen Unternehmen und der Wirtschaft als Ganzes gerechtfertigt: "Die Bewertungen sollten nicht vor Investitionen in den USA abschrecken." Die höheren Bewertungen der Small Caps haben sich laut Aberdeen den US-Blue-Chips in letzter Zeit ohnehin angenähert.

Hoffung auf politische Kontinuität

Das Portefeuille richte sich aber mehr nach den Geschäftsmodellen der Firmen aus, und weniger nach dem allgemeinen Umfeld. Burtnick spielt damit auf die Unsicherheiten an, die der US-Präsidentschaftswahlkampf auslöst, der sich von diesem Sommer bis in den November ziehen wird.

"Um für eine Partei nominiert zu werden, muss man in den USA als Kandidat vielleicht etwas extrem auftreten und danach nicht alles umsetzen", sagt Burtnick zu den schlagzeilenträchtigen Vorwahlen, in denen sich für die Demokraten Ex-Aussenministerin Hillary Clinton und für die Republikaner der Immobilien-Tycoon Donald Trump als Kandidaten für das Präsidentenamt herauszukristallisieren scheinen. Während Clinton etwa mit der Forderung nach einer Senkung von Medikamentenpreise die Grosskonzerne angriff, sorgte Trump mit angriffiger Rhetorik und der Propagierung radikaler Änderungen auch im Wirtschaftssystem für Aufsehen.

"Wir hoffen, dass die Kandidaten einigermassen pragmatisch in der Anwendung ihrer Wirtschaftspolitik sein werden." Wie grosse Teile der US-Finanzgemeinde hofft Burtnick auf eine Fortsetzung der heutigen Verhältnisse. Eine Einschätzung, wer voraussichtlich nächsten Januar ins Weisse Haus einziehen könnte, will der Fondsmanager aber nicht abgegeben.

Die US-Small-Cap-Strategie umfasst bei Aberdeen nur etwa 50 Firmen. Im cash-Video-Interview sagt Douglas Burtnick auch, welches die (hierzulande wenig bekannten) US-Stars im Portefeuille sind. Er empfiehlt beispielsweise Parexel, ein 1982 gegründetes Unternehmen, das für die Pharmabranche klinische Studien durchführt oder den Baukomponentenhersteller Gibraltar Industries, eine Restrukturierungs-Story.