BLS will im Fernverkehr mitmischen - SBB verteidigt ihr Monopol

SBB und BLS sind sich derzeit nicht grün: beide Bahnunternehmen haben sich beim Bund um die Vergabe von Fernverkehrskonzessionen beworben. Die SBB will ihr bestehendes Monopol verteidigen, die BLS möchte für Wettbewerb sorgen und der Staatsbahn fünf Linien abjagen.
08.09.2017 18:45

"Wir nehmen der SBB nichts weg, sondern wollen einfach ein kleines Stück des stark wachsenden Kuchens", sagte BLS-Verwaltungsratspräsident Rudolf Stämpfli am Freitag vor den Medien. Die SBB rechne bis 2030 im Fernverkehr mit einem Nachfragewachstum von bis zu 78 Prozent.

Konkret bewirbt sich die BLS um die Intercity-Linien Interlaken-Bern-Basel und Brig-Bern-Basel sowie um die RegioExpress-Linien Bern-Olten, Biel-Bern und Le Locle-Bern. Um die lukrative Linie nach Zürich bewirbt sich die BLS hingegen nicht.

IM SINNE DES BUNDES

Stämpfli sieht das Vorgehen der BLS ganz im Sinne des Bundes, der schliesslich einen Wettbewerb der Ideen im öffentlichen Verkehr lanciert habe. Ein gesunder Wettbewerb sei im Interesse der Kunden aber auch der öffentlichen Hand.

Die SBB hingegen hält von einer möglichen Aufteilung der Fernverkehrskonzessionen nichts. "Das wäre ein Scheinwettbewerb, der kaum zusätzlichen Kundennutzen bringt", betonten SBB-Verantwortliche am Freitag.

Über die Preise können sich die beiden Bahnunternehmen nicht messen, da diese schweizweit einheitlich festgelegt werden. Was bleibt, sind Unterschiede in Service und Komfort etwa bei der Verpflegung oder der Reisebegleitung.

Die SBB möchte weiterhin allein für den Fernverkehr verantwortlich sein und hat deshalb beim Bundesamt für Verkehr (BAV) die Erneuerung der schweizweiten Fernverkehrskonzession für weitere 15 Jahre beantragt.

WÜSTER STREIT

In den vergangenen Monaten haben SBB, BLS und die Südostbahn (SOB) über mögliche Kooperationen diskutiert. Mit der SOB einigte sich die Staatsbahn. Die SOB wird ab Dezember 2020 im Rahmen der SBB-Fernverkehrskonzession zwei Linien mit eigenem Rollmaterial und im Co-Branding fahren.

Keine Einigung erzielt wurde dagegen mit der BLS. In den vergangenen Wochen fetzten sich die beiden Bahnunternehmen öffentlich, so dass sich die Berner Kantonsregierung veranlasst sah, die Verantwortlichen zur Räson zu rufen. Die Wettbewerbskommission (WKEO) warnte zudem die SBB-Spitze vor Druckversuchen auf die BLS.

Die Gewerkschaften SEV und transfair kritisierten den Streit zwischen der SBB und der BLS um die Fernverkehrskonzession scharf. Das "wüste Gezerre", das nun in separat eingereichten Begehren gipfle, schaffe einen "künstlichen Wettbewerb", der nur Verlierer hervorbringe - namentlich das Personal leide.

GELD FÜR IDEEN

Um Ideen zu entwickeln und umzusetzen, brauche es Gewinne, die man in das Unternehmen investieren könne, führte der BLS-Verwaltungsratspräsident aus. Die seit 2004 nur noch im Regionalverkehr tätige BLS könne solche Gewinne nicht machen. Im Regionalverkehr bestimmten die Kantone das Angebot und mit den Subventionen könnten einfach die Kosten gedeckt werden - mehr nicht.

Nur wenn die Privatbahn nicht als Fuhrhalter der SBB unterwegs sei, könne sie Gewinne erwirtschaften und so für gesunden Wettbewerb sorgen, betonte Stämpfli am Freitag erneut.

GESAMSTYSTEM WÜRDE TEURER

Ganz anders beurteilt die SBB die Sache: Sie schätzt, dass bei einer möglichen Aufteilung der Fernverkehrskonzessionen durch Ineffizienzen die Gesamtsystemkosten um 15 bis 20 Mio CHF pro Jahr steigen würden. Hinzu kämen hohe Umstellungskosten in Höhe von 20 bis 40 Mio. Zudem müssten mehrere hundert Mitarbeitende den Arbeitgeber wechseln.

Bei der BLS kann man diese Bedenken und die Zahlen nicht nachvollziehen. Die Kosten des Gesamtsystems würden mit dem Wachstum ansteigen und nicht weil die BLS Fernverkehrslinien von der SBB übernehmen würde, sagte Stämpfli.

Die BLS würde bei Erhalt der von ihr beantragten Linien rund 290 Vollzeitstellen schaffen, durch eigenen Personalaufbau und ordentliche Stellenausschreibungen. Da bei der SBB im Fernverkehr ja ebenfalls Wachstum angesagt sei, dürfte es dort nicht zu Stellenreduktionen kommen, schätzte Stämpfli.

Die SBB hält derzeit das Monopol auf den Fernverkehrslinien in der Schweiz. Ein Grossteil der Fernverkehrskonzessionen läuft aber Ende 2017 ab. Das BAV hat sie neu ausgeschrieben. Der Bund wird bis spätestens Anfang Dezember die Fernverkehrskonzession neu vergeben. Für die Bahnkunden würde sich ohnehin so rasch nichts ändern: Die BLS würde die neuen Linien schrittweise ab 2020 mit neuen Zügen bedienen.

mk

(AWP)