Boomland Türkei macht deutschen Firmen Sorgen

Der Putschversuch von Militärs in der Türkei hat bei deutschen Firmen erhebliche Nervosität ausgelöst.
24.07.2016 08:15

Es geht schliesslich um einen Partner, mit dem die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr ein Handelsvolumen von rund 37 Milliarden Euro abwickelte und der bei den deutschen Exporteuren immerhin auf Rang 14 unter den wichtigsten Zielländern rangierte. Mehr noch: die Türkei ist mit ihren knapp 78 Millionen Menschen eines der Länder, in dem die deutschen Exporteure zuletzt mit am kräftigsten zulegten: 2015 waren es mehr als 16 Prozent. Seit Jahren legt die Wirtschaft am Bosporus überdurchschnittlich zu. In diesem Jahr könnten es, wie schon im vergangenen, rund vier Prozent werden. Manche Experten sind zwar vorsichtiger. Dennoch: Das ist weit mehr als das Doppelte des deutschen Wirtschaftswachstums.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, beklagt nun aber wachsende Unsicherheit für die Unternehmen durch den Putschversuch. "Das schlägt unmittelbar auf die Geschäfte der deutschen Wirtschaft in der Türkei durch", warnt er. Die Aussichten hätten sich bereits eingetrübt, der Kapitalabfluss aus dem Land habe eingesetzt. Derzeit gibt es in der Türkei gut 6000 Unternehmen mit deutschen Kapitalanteilen.

Jan Nöther, das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Industrie- und Aussenhandelskammer (AHK) in Istanbul, ist noch vorsichtig. Der Putschversuch sei von den deutschen Firmen zwar "mit grosser Erschütterung aufgenommen" worden, sagt er der Nachrichtenagentur Reuters. Er fügt aber hinzu: "Direkte Auswirkungen auf das Tagesgeschäft der Unternehmen sind nicht erkennbar." Allerdings spricht Nöther von ersten Anzeichen, "dass die schon zu verzeichnende Zurückhaltung hinsichtlich neuer Investitionen eher zunehmen wird".

Investitionsagentur sieht Türkei als grossen Wachstumsmarkt

Dabei hatte die deutsche Investitionsagentur "Germany Trade & Investment" kürzlich mit Blick auf die Türkei festgestellt: "Der Handel mit Deutschland floriert." Sie zählt das Land zu denen, die für die nächste Zeit deutschen Firmen besonders erfolgreiche Geschäfte versprechen. Ein "riesiges" Marktpotential mit einer wachsenden, jungen und konsumfreudigen Bevölkerung", so lauteten Haupt-Argumente der Investitionswerber. Zudem: mit fast drei Millionen Menschen in Deutschland mit türkischen Wurzeln und fünfeinhalb Millionen Deutschen, die 2015 als Touristen in die Türkei reisten, sind die ökonomischen Beziehungen durch enge Kontakte zwischen den Menschen beider Länder unterlegt.

Allerdings: in den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei kriselt es. "Freundschaftlich, vielschichtig und belastbar", kennzeichnet sie zwar das Auswärtige Amt. Doch die Belastungstests häufen sich. Vor kurzem war es noch die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages, in dem von Völkermord die Rede ist, die den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erboste. Nun muss sich dieser Ermahnungen aus Berlin und andere EU-Hauptstädten gefallen lassen, bei den Reaktionen auf den Putschversuch rechtstaatlich zu handeln. Erdogans Umgang mit der Opposition, den kritischen Medien, gilt sei längerem als kritikwürdig. Dennoch urteilt Nöther: "Von einer generellen Eintrübung der deutsch-türkischen Beziehungen, die vielschichtiger Natur sind, wollen wir nicht sprechen." Direkte Auswirkungen auf die Aktivitäten deutscher Firmen in der Türkei habe die jüngste Stimmungseintrübung nicht.

Türkische Wirtschaft nicht ohne Nöte

Ohne Sorgen war die türkische Wirtschaft allerdings auch schon vor dem Putschversuch nicht. Gerade erst mahnte die Industrieländer-Organisation OECD die Regierung zu mehr Reformen, um die Produktivität in der Wirtschaft zu erhöhen und diese auf einen nachhaltigeren Wachstumspfad zu lenken. Zudem zeigten sich in jüngster Zeit weitere Schwächen: Firmenpleiten, viele faule Kredite bei den Banken und fernbleibende Touristen. Der Aufschwung gerät ins Wanken. "Die türkische Wirtschaft ist von grosser Volatilität gekennzeichnet", schildert Nöther. Daher sei es umso wichtiger, den drohenden Vertrauensverlust in der internationalen Industrie nach dem Putschversuch zu mindern.

(Reuters)