«Brasilianische Aktien sind zu tief bewertet»

Die Stimmung an Brasiliens Börse ist getrübt, nicht zuletzt wegen der jüngsten Proteste. Doch nun zeichnet sich eine Wende ab, sagt Brasilien-Spezialist Daniel Bittner von Arsago zu cash. Er nennt seine Aktientipps.
02.07.2013 01:00
Von Frédéric Papp
Daniel Bittner, CEO von Arsago, im cash-Video-Interview.
Bild: cash
Brasilien wird derzeit von den grössten Protesten seit 20 Jahren erschüttert: In den vergangenen Tagen gingen regelmässig zehn- bis hunderttausende Menschen auf die Strasse. Noch sind die Proteste weitgehend friedlich. Die Brasilianerinnen und Brasilianer demonstrieren gegen die grassierende Korruption und für eine bessere Infrastruktur im Bildungs- und Gesundheitswesen.
 
"Der Druck der Strasse wird nicht nachlassen", sagt Daniel Bittner im cash-Video-Interview. Denn die Protestbewegung geniesse hohe Sympathiewerte durch alle sozialen Schichten hinweg, sagt Bittner, der das Land seit 16 Jahren bereist und dessen Firma mit eigenen Teams vor Ort arbeitet. "Die Menschen wollen, dass sich Brasilien reformiert", sagt er.
 
Entscheidend für die weitere konjunkturelle Entwicklung Brasiliens wird die Umsetzung der Reformen sein, die Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff vor wenigen Tagen präsentiert hatte. Sie schlug fünf Reformpakte vor, darunter eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, des Gesundheitssystems und des Bildungswesens.
 
Proteste sind gut für Brasiliens Wirtschaft
 
Die Reformen würden keine blossen Lippenbekenntnisse bleiben, dafür sei der Druck der Strasse zu gross, sagt Bittner. So betrachtet seien die Protestbewegungen eine Initialzündung für ein verstärkt qualitatives Wachstum der brasilianischen Wirtschaft, sagt Bittner.
 
In der Vergangenheit hat Brasilien stark unter der mauen US-Konjunktur gelitten. Nun zeichnet sich aber eine Wende ab. Dafür spricht die Ankündigung von Fed-Chef Ben Bernanke angesichts besserer Konjunkturdaten, das Kaufprogramm für amerikanische Staatsanleihen zu reduzieren und gegebenenfalls ganz einzustellen. "Dies hat sich in den Börsen noch nicht niedergeschlagen", sagt Bittner.
 
Der brasilianische Leitindex Bovespa hat in diesem Jahr überdurchschnittlich viel verloren, nachdem sie bereits im vergangenen Jahr zu den Underperformern zählte. Das Minus im 2013 beträgt satte 22 Prozent, doppelt so viel wie der MSCI-Schwellenländerindex. Zudem hat die Landeswährung Real gegenüber dem Dollar rund neun Prozent an Wert eingebüsst.
 
Ungerechtfertigt tiefe Bewertungen
 
Vor allem der Immobiliensektor hat stark gelitten. "Mit einem KGV von 5 ist er der günstigste Sektor überhaupt", stellt Bittner fest. Der Abschlag zum Substanzwert liege zwischen 50 bis 80 Prozent. Die Bewertungen unterschätzen laut Bittner das Gewinnpotenzial des Immobiliensektors. Auf dem Investitionsradar von Arsago stehen Brookfield, MRV und Cyrela.
 
Im Brasilien besteht ein strukturelles Defizit an Wohneinheiten von gegen 6 Millionen Einheiten. Hinzu kommen noch 1,5 Millionen Einheiten jährlich hinzu, um den demografischen Effekt zu kompensieren.
 
Zu tief bewertet sei auch die Aktie des halbstaatlichen Unternehmens Petrobras. "Wir haben den Titel lange gemieden. Dies hat sich nun aber geändert seit das Management ausgewechselt und neue Erdölvorkommen entdeckt wurden", sagt Bittner, der seit 2001 im brasilianischen Markt investiert ist. Im Finanzsektor seien die Papiere von Itau, der grössten Privatbank Brasiliens, ein Kauf. Im Industriesektor empfiehlt Bittner Providencia oder Maxion.
 
Relativ teuer bewertet seien hingegen reine Konsum- und Nahrungsmittelwerte. Zur Vorsicht mahnt Bittner auch bei Index-Fonds. Sie würden die brasilianische Wirtschaft nicht angemessen repräsentieren und nehmen Veränderungen nur nachgelagert mit.
 

Im cash-Video-Interview geht Bittner, der soeben aus Brasilien zurückkehrte, vertieft auf die politische Lage in Brasilien ein.