Brexit als Hauptgesprächsthema am Swiss International Finance Forum

Bern (awp/sda) - Das Brexit-Votum gab am Swiss International Finance Forum (SIFF) viel zu reden. Während Ex-Diplomat Alexis P. Lautenberg die EU zur Zurückhaltung mahnte, verwies Wirtschaftsprofessor Aymo Brunetti auf die fiskalpolitischen Auswirkungen des Entscheids.
28.06.2016 15:31

Das Nachbeben der Abstimmung war bis ins schicke Hotel Bellevue Palace in Bern zu spüren, wo sich die Schweizer Finanzbranche am Dienstag zum dritten Mal seit 2014 traf. Der deutsche Finanzpolitiker und Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Burkhard Balz, musste seine Teilnahme wegen einer ausserordentlichen Plenarsitzung in Brüssel kurzfristig absagen.

Stattdessen richtete sich Balz per Videobotschaft an die Anwesenden. Und er machte klar: "Austritt ist Austritt". Grossbritannien müsse nun rasch Austrittsverhandlungen aufnehmen, stellte der EU-Parlamentarier klar.

Anstelle von Balz konnten die Verantwortlichen des SIFF kurzfristig Alexis P. Lautenberg, Vorsitzender des Swiss Finance Council, und Aymo Brunetti, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Bern, für eine Teilnahme am Forum der Schweizer Finanzbranche gewinnen.

DEN BRITEN ZEIT GEBEN

Auch Lautenberg beurteilte das Szenario, mit dem nun einige Brexit-Befürworter liebäugeln, wonach Grossbritannien nun einen besseren Deal mit der EU aushandeln könnte, um danach nochmals abstimmen zu lassen, als wenig zukunftsträchtig.

Gleichzeitig mahnte er zur Zurückhaltung. Die EU müsse der britischen Seite nun Zeit geben, über die Bücher zu gehen, um selber zu entscheiden, was sie genau wolle. Mann könne von London in der jetzigen Situation nicht verlangen, innerhalb weniger Tage Austrittsverhandlungen aufzunehmen.

Lautenberg verwies in diesem Zusammenhang auf die Spaltung des Landes in der EU-Frage. "Zumindest ein Teil des Resultats hat wenig mit der EU zu tun, sondern vielmehr mit dem Frust über die eigene Existenz", sagte er. Es werde Zeit brauchen, den institutionellen Status Grossbritanniens zu klären. Das könne nicht von heute auf morgen geschehen.

"KEIN LEHMANN-MOMENT"

Ähnlich tönte es bei Wirtschaftsprofessor Aymo Brunetti. Um die Folgen eines Brexit abschätzen zu können, gelte es zuerst zu klären, wie genau die EU künftig funktionieren soll. Für Brunetti ist denn auch klar, dass die Auswirkungen mittel- bis langfristiger Natur sein werden.

Als positiv beurteilte er trotz der kurzfristigen Verwerfungen die Reaktion der Märkte. "Ein Lehman-Moment ist nicht aufgetreten". Dies sei damit zu erklären, dass Grossbritannien kein Euroland sein. Ein Austritt eines solchen wäre ein anderes Kaliber und würde zu länger andauernden Erschütterungen führen, prognostizierte Brunetti.

Was dem Wirtschaftswissenschaftler neben eines potenziellen Austritts eines Landes aus der Währungsunion ebenfalls Sorge bereitet, ist die Auswirkung des Brexit-Votums auf die Politik der Notenbanken. Die Normalisierung der Geldpolitik dürfte sich nun weiter nach hinten schieben und die Fed noch länger zuwarten lassen mit der dringend nötigen weiteren Zinserhöhung.

Das sei ausserordentlich problematisch. Denn eine solche Verzögerung könnte auch die Austeritätsdiskussion behindern. Dabei sei klar, dass die Antwort auf die Verschuldung in strukturellen Reformen liegen müsse und nicht in Mehrausgaben, sagte Brunetti.

cp/

(AWP)