Brexit: Deutsche Versicherer bestürzt über EU-Austritt

BERLIN/MÜNCHEN/LONDON (awp international) - Die Versicherungsbranche reagiert bestürzt auf den britischen Entscheid für einen EU-Austritt. Für das Geschäft der Branche gibt es aber erst einmal beruhigende Worte. "Die Entscheidung des britischen Volkes ist ein schwerer Schlag für die EU", sagte der Chefökonom des weltgrössten Rückversicherers Munich Re , Michael Menhart, am Freitag. Allianz-Chef Oliver Bäte forderte schnellere Reformen in der EU. "Andernfalls ist es ein schwarzer Tag für Europa." Europas grösster Versicherer hofft auf eine weitere Zusammenarbeit der Briten mit der EU, erwartet von den Marktturbulenzen aber keine drastischen Folgen für seine Finanzanlagen und die seiner Kunden.
24.06.2016 10:07

Für die Aktien der grossen Versicherer ging es am Morgen mit dem allgemeinen Rutsch an den Börsen kräftig abwärts. Die Papiere der Allianz verloren kurz nach Handelsstart fast zwölf Prozent an Wert, der Aktienkurs der Munich Re sackte um rund acht Prozent ab, während der Dax ebenfalls um fast acht Prozent abrutschte.

Nun versuchen Allianz und Munich Re Befürchtungen zu dämpfen, dass der Austritt der Briten die Branche arg in Mitleidenschaft ziehen könnte. "Auf die Versicherungswirtschaft wird sich die Entscheidung vermutlich nicht so stark auswirken wie auf andere Branchen", sagte Munich-Re-Ökonom Menhart. Allerdings werde der Finanzplatz London Gewicht an wichtige Börsenplätze wie Singapur oder New York verlieren. "Dies betrifft auch die Versicherer."

Die Allianz hob ihre langfristige Anlagestrategie hervor. Er erwarte keine negativen Folgen des Brexit für die Anlagen des Konzerns, sagte Allianz-Chefanleger Andreas Gruber. Auch kurzfristige Marktturbulenzen träfen die Finanzanlagen nicht wesentlich, sagte ein Konzernsprecher. Die Kunden könnten auf die breit gestreuten Investitionen des Versicherers bauen. Eine Mehrheit von rund 52 Prozent hat bei dem historischen Referendum für einen Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt.

Am schwersten dürfte die Entscheidung nach Ansicht der Munich Re den Inselstaat selbst treffen. "Sie wird die Konjunktur vor allem in Grossbritannien stark belasten", sagte Menhart. Das britische Wachstum werde bis 2018 jährlich um etwa einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. "Auch das Wirtschaftswachstum in der EU wird leiden, wenn auch in geringerem Umfang."

Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re findet es noch zu früh, um über Konsequenzen aus dem Brexit zu entscheiden. Grösstes Risiko seien zunächst die verstärkten Schwankungen an den Finanzmärkten. Mittel- bis langfristig gehe es um Risiken etwa bei der Regulierung. Die Swiss Re habe rund 38 Milliarden US-Dollar in britischen Pfund angelegt, davon 10 Milliarden in Staatsanleihen. In britische Aktien habe sie hingegen kaum investiert.

Die Allianz hofft nach der Brexit-Entscheidung auf eine weitere Zusammenarbeit der Briten mit dem europäischen Staatenbund. "Auch wenn sich das Projekt Europa künftig ohne das Vereinigte Königreich weiterentwickelt, bleibt Grossbritannien ein Hauptverbündeter der EU mit engen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen", zeigte sich Chefvolkswirt Michael Heise überzeugt. Mittel- bis langfristig erwartet der Konzern bilaterale Vereinbarungen zwischen Grossbritannien und der EU, die beständige und erfolgreiche Beziehungen mit sich bringen.

Einen Abschied aus dem Versicherungsgeschäft in Grossbritannien können sich weder die Allianz, die Munich Re noch der Schweizer Versicherer Zurich vorstellen. "Wir bekennen uns weiterhin zu dem britischen Markt und unseren Kunden im Vereinigten Königreich", sagte der Allianz-Sprecher. Auch für die Munich Re bleibe das Land ein wichtiger Markt, sagte Finanzchef Jörg Schneider dem Sender Bloomberg TV.

Der Versicherer Zurich sieht Grossbritannien sogar als "Schlüsselmarkt". Der Versicherer bleibe in dem Land vertreten und gehe davon aus, dass sich die Marktlage mit der Zeit normalisiere. Der Austritt Grossbritanniens dürfte sich über Jahre hinziehen, und es sei noch "viel zu früh", um die Auswirkungen auf das Versicherungsgeschäft einzuschätzen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rief die EU zu Reformen auf. "Mit Blick auf den inneren Zusammenhalt, aber auch auf die schnell wachsenden Regionen ausserhalb Europas muss die Wettbewerbsfähigkeit nun endlich gestärkt werden", sagte GDV-Präsident Alexander Erdland. Man dürfe jetzt nicht in eine "Schockstarre" verfallen. Die Entscheidung der Briten sei schmerzlich für alle Europäer. Der Staatenbund müsse seine Institutionen reformieren und den "vielfach überbordenden Regulierungseifer" beenden. Die Menschen müssten die Vorteile stärker spüren, die ein vereintes Europa in der Welt habe, sagte Erdland./stw/nmu/stb

(AWP)