Brexit-Folgen werden auch die Schweiz betreffen

Die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel sieht die Schweizer Wirtschaft durch den Brexit-Entscheid in Grossbritannien gleich fünffach betroffen.
24.06.2016 10:14
Das Brexit-Votum bringt für die Schweiz erst einmal vor allem Unsicherheit mit sich.
Das Brexit-Votum bringt für die Schweiz erst einmal vor allem Unsicherheit mit sich.
Bild: cash

Neben der Unsicherheit für die Unternehmen durch den nun notwendigen Austrittsprozess sorge beim Franken der Status als "sicherer Hafen für Aufwärtsdruck. Ein geschwächtes Europa sei langfristig schlecht für die Schweiz.

Das Votum der britischen Bürger bringe eine grosse Reihe politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen mit sich, heisst es in einem Kommentar des BAK Basel am Freitag. Im Sinne der Wirkungskanäle seien diese Verwerfungen noch nicht vollständig abzuschätzen. Das BAK sieht jedoch die Schweiz gleich fünffach betroffen.

Zunächst drücke die Unsicherheit über den zukünftigen Status Grossbritanniens auf Investitionen und Handel. Grossbritannien hat nach dem Brexit laut EU-Vertrag zwei Jahre Zeit, die Abspaltung von der EU zu organisieren, was sämtliche Aspekte der britischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betreffen werde.

Während auf der einen Seite das Herauslösen aus der EU im Sinne einer institutionellen Entflechtung ansteht, muss auf der anderen Seite eine neue Form der Handelsintegration gefunden werden, so der Kommentar. Weder die Richtung, noch der Zeitraum noch das Ergebnis stehe fest. Sicher sei aber, dass dies die konjunkturelle Dynamik dämpfen werde.

Finanzplatz Schweiz könnte profitieren

Die Zukunft des Finanzplatzes London sei unklar und die Reaktionen an den Finanzmärkten unsicher. Von einem Ansehensverlust des Londoner Finanzplatzes könnte die Schweiz jedoch profitieren. Es sei davon auszugehen, dass viele Banken zumindest Teile ihres Geschäfts auf den Kontinent verlagern werden. Dies werde wohl primär den Finanzplatz Frankfurt und andere EURO-Finanzmärkte stärken. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Schweiz davon profitieren würde, so das BAK.

Der Schweizer Franken dürfte in Zeiten der Unsicherheit wieder stärker gefragt werden, was ihn erneut unter verstärkten Aufwertungsdruck stellen wird, so die Konjunkturforscher. Zudem wird der Verhandlungsspielraum für die Schweiz mit der EU in Bezug auf die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative als reduziert angesehen.

Als letzter Punkt sei langfristig ein geschwächtes Europa schlecht für die Schweiz. Die Schweiz ist mit Europa eng verbunden, nicht nur wirtschaftlich, betont das BAK. Rund 50% der Schweizer Exporte gehen in den Euroraum, mehr als 6,5% nach Grossbritannien. Aber auch gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich seien die Beziehungen eng. Eine europäische Kettenreaktion, die zu einer Aushöhlung der EU führe und Europa nachhaltig schwächt, habe unweigerlich vielfältige Rückwirkungen auf die Schweiz, so die Einschätzung.

KOF rechnet mit Senkung der BIP-Prognosen

Nach dem Austrittsentscheid der Briten (Brexit) aus der EU rechnet die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) mit einer Senkung ihrer Wirtschaftsprognosen für die Schweiz. "Ich glaube schon, dass wir die BIP-Prognosen revidieren müssen", sagte KOF-Direktor Jan-Egbert Sturm.

"Wir sind nicht vom Brexit ausgegangen", sagte Sturm am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Über das Ausmass der Senkung der Prognosen für das Bruttoinlandprodukt (BIP) sagte Sturm nichts. "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der Brexit dramatische Effekte auf die Schweiz haben wird."

Man dürfe die Lage nicht zu schwarz malen. Der Brexit führe zu einer grossen Unsicherheit in Europa, die für die für Investitionstätigkeit tödlich sei. Diese Folgen dürften sich auch auf die Schweiz auswirken. Besonders Firmen im Export nach Grossbritannien dürften leiden, wenn sich die Wirtschaft auf der Insel wegen des Brexit abschwäche.

"Die Schweiz wird aber nicht in eine tiefe Rezession stürzen. Das kann ich mir nicht vorstellen", sagte Sturm. Bisher ging die KOF von einem BIP-Wachstum von 1,0% für dieses Jahr und 2,0% für nächstes Jahr aus.

Umgekehrt könnte die Schweiz auch profitieren. Es dürfte Firmen geben, die bisher ihren Hauptsitz in Grossbritannien hätten und nun über eine Abwanderung nachdenken dürften. Es seien auch Umsiedelungen in die Schweiz denkbar, sagte Sturm. Die Schweiz sollte sich jetzt überlegen, ein Freihandelsabkommen mit Grossbritannien abzuschliessen.

Kurzfristig seien vor allem die Finanzmärkte vom Brexit betroffen. Wenn die Finanzmärkte noch stärker reagieren sollten, könnte die SNB auch die negativen Zinsen verstärken. "Aber so weit sind wir jetzt noch nicht bei einem Euro-Wechselkurs von 1,08 Franken", sagte Sturm.

(AWP)