Brexit-Hängepartie - Londons Ausland-Banker wollen lieber nach Hause

Weil sie keine Lust mehr auf Spekulationen haben, ob ihr Job gestrichen oder verlegt wird, ergreifen einige der ausländischen Mitarbeiter der Londoner Banken die Initiative: Sie wollen nach Hause.
06.04.2017 08:18
Bürotürme in der Londoner City mit dem «Gherkin» in der Mitte.
Bürotürme in der Londoner City mit dem «Gherkin» in der Mitte.
Bild: Pixabay

Angestellte von Citigroup, Goldman Sachs Group und HSBC haben sich den Informationen zufolge freiwillig dazu bereiterklärt, in ihre Heimat innerhalb der Europäischen Union (EU) zurückzukehren, sollte ihr Arbeitgeber nach dem Brexit Mitarbeiter verlagern müssen.

Bei Société Générale sind bereits mindestens zwei Händler in ihre Heimat nach Frankreich und Italien zurückgekehrt, heisst es aus vertrauten Kreisen. Dahinter stehe die Erwartung, dass die Bank damit beginnen werde, ihre in London arbeitenden Kollegen über den Kontinent hinweg umzuverteilen.

Einige global tätige Banken haben in der Tat den Prozess angestossen, einen Teil der in London angesiedelten Geschäftsbereiche zu neuen oder ausgeweiteten Handels-Drehkreuzen in der EU zu verlagern. Zuvor hatte Grossbritannien den formalen Prozess für den Austritt aus der EU ausgelöst.

Banken erwarten harten Brexit

Dabei stellen sich viele Finanzfirmen auf einen so genannten harten Brexit ein. Das würde bedeuten, dass sie das Recht verlieren, ihre Dienste frei in der gesamten Region von ihrem Standort in London aus anzubieten. Sie bemühen sich darum, funktionierende Niederlassungen in Stellung zu bringen, bevor die zweijährigen Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU vorbei sind.

HSBC-Manager haben öffentlich kein Geheimnis daraus gemacht, dass die Bank bis zu 1000 Händler von London nach Paris verlagern will. Der Brexit könnte somit letztlich zur Umkehr eines Trends beitragen: Jahrzehntelang zogen die klügsten Universitäts-Absolventen aus der gesamten EU nach London, um dort eine Karriere in der Finanzbranche anzustreben. Denn dort hatten die globalen Investmentbanken ihre Europa-Zentralen.

Banker befinden sich in einer Hängepartie: Informierte Kreise berichten auch von einem Managing Director einer Bank, der unlängst von Frankfurt nach London gezogen ist, um dort eine Handelsabteilung zu leiten, der jedoch seine Frau und Kinder in Deutschland zurückliess. Dahinter habe die Annahme gestanden, dass seine Stelle nach dem Brexit ohnehin dorthin zurückverlagert werde.

Nur falls es Grossbritannien gelingen sollte, eine gute Vereinbarung mit den EU-Partnern auszuhandeln, wolle er in Erwägung ziehen, seine Kinder aus der Schulde zu nehmen und die Familie nach London nachzuholen.

Nur Schätzungen und Spekulationen

Angesichts der Knappheit an Talenten in den meisten EU-Finanzzentren hoffen Bankmanager den Kreisen zufolge, dass sie ihre neuen EU-Drehkreuze grösstenteils mit bereits angestellten Mitarbeitern ausstatten können, die schlichtweg nach Hause zurückkehren. Das Ziel dabei sei, Zeit und Geld mit Blick auf Anstellung und Training neuer Kollegen zu sparen. Auch gehe es darum, keine grosszügigen Pakete anbieten zu müssen, um Mitarbeiter, die eigentlich keine Lust haben, an neue Standorte zu locken.

London könnte 10'000 Banken-Jobs und 20'000 Stellen im Bereich der Finanzdienstleistungen verlieren, während Kunden 1,8 Billionen Euro an Anlagewerten nach dem Brexit aus Grossbritannien abziehen, schätzt der Thinktank Bruegel. Andere Prognosen gehen von bis zu 232'000 Stellen aus oder sehen die Auswirkungen nur bei 4000 Jobs PwC-Daten zufolge gibt es rund 45'000 EU-Bürger, die im Finanzdienstleistungssektor in London tätig sind.

(Bloomberg)