Brexit - Retailer können nicht aus London fliehen

Banken in Grossbritannien können sich angesichts des Brexit schnell aus dem Staub machen, etwa nach Frankfurt. Für Einzelhändler, die vom Ausscheiden des Landes aus der EU bedroht sind, ist das jedoch nicht so einfach.
05.11.2017 17:05
Blick auf den Londoner Stadteil Vauxhall, auch «Dubai-on-Thames» genannt.
Blick auf den Londoner Stadteil Vauxhall, auch «Dubai-on-Thames» genannt.

Sie müssen bleiben, auch wenn ein ungeordneter Austritt die Handelsrouten verstopfen und die Ladenregale entleeren sollte. Anbieter wie beispielsweise TescoSainsbury und Next, die erhebliche Mengen importierter Güter verkaufen, stossen an die Grenzen ihrer Notfallplanungen.

"Wir machen uns viel mehr Sorgen um die Fähigkeit der Regierung, mit jeder Zunahme der Zollverwaltung fertig zu werden, als mit unserer eigenen Fähigkeit, damit klarzukommen", sagte Simon Wolfson, Chef der Bekleidungskette Next, in einem Interview mit Bloomberg. "Es besteht die reale Gefahr, dass die Häfen zum Stillstand kommen, und das würde allen Einzelhändlern das Leben schwer machen."

Die überwältigende Mehrheit an Bekleidung und fast die Hälfte der in Grossbritannien konsumierten Lebensmittel werden importiert. Da die inländischen Produktionskapazitäten nicht ausreichen, um die Nachfrage des Landes zu decken, gibt es keine einfachen Alternativen, falls das Vereinigte Königreich im Jahr 2019 ohne ein Abkommen aus der EU ausscheiden sollte.

Jeden Tag würden fast 700.000 eingehende Sendungen Grenzkontrollen erfordern, falls das Land die EU ohne einen Deal verlassen würde, schätzt das British Retail Consortium (BRC). Vertreter aus Dover, dem verkehrsreichsten Hafen des Landes, warnen, dass je zwei Extra-Minuten für die Zoll-Freigabe von LKWs zu 27 Kilometer langen Staus führen könnten.

Mühsames Zollverfahren und geringere Qualität?

"Dover ist nicht bereit für Lebensmittel, die kontrolliert werden müssen. Und man kann nicht einfach mit den Fingern schnippen und so die Anzahl der britischen Erdbeeren oder Kartoffeln verdoppeln", sagte BRC-Politikberater William Bain.

Im Rahmen der derzeitigen Zollvereinbarung können Einzelhändler mittags Tomaten aus den Niederlanden bestellen und sie rechtzeitig über den Ärmelkanal verschiffen lassen, damit sie schon am nächsten Tag in den Regalen liegen.

Die Lebensmittelhändler Tesco, Sainsbury und Wm Morrison Supermarkets haben alternative Beschaffungsstandorte für einige Güter ermittelt, die mit den höchsten Zöllen konfrontiert sein könnten - etwa 40 Prozent für irisches Rindfleisch -, falls das Vereinigte Königreich die EU ohne Abkommen verlässt und auf die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zurückgreifen muss. Sie könnten zwar mehr heimisches Rindfleisch verkaufen, doch ein Ansturm mit Blick auf die Versorgungssicherheit könnte die Kosten erhöhen.

Sainsbury-CEO Mike Coupe hat bereits gewarnt, dass mühsame Zollverfahren höhere Preise und geringere Qualität bedeuten würden. Die Regierung habe die Risiken nicht vollständig erkannt, sagte er der britischen Press Association im September.

Bekleidungshändler suchen ebenfalls nach Wegen, um hohe Zölle zu vermeiden. Sowohl Next als auch der Online-Händler Asos, der 63 Prozent seines Umsatzes ausserhalb Grossbritanniens erzielt, erwägen beispielsweise, Lagerbestände in Lagerhäusern in Deutschland aufzustocken, um internationale Kunden zu bedienen. Das würde ihnen allerdings nicht helfen, Jeans und Kleider an britische Käufer zu liefern.

Andere Branchen ziehen Konsequenzen

In anderen Branchen sind die möglichen Konsequenzen des Brexit klarer und die Unternehmen haben begonnen, entschieden zu handeln. Einige Banken verlagern so etwa Mitarbeiter von London nach Frankfurt, Paris oder an andere Orte in der EU, um dort weiter tätig sein zu können. Und EasyJet hat eine neue Fluggesellschaft in Wien gegründet, um sicherzustellen, dass das Unternehmen Flugrouten innerhalb der Region aufrechterhalten kann.

Seit dem Sommer hat das das BRC die Lobbyarbeit verstärkt und die Regierung aufgefordert, einen reibungslosen, zollfreien Handel sowie den fortgesetzten Zugang zu EU-Migrantenarbeit zu gewährleisten.

"Ich denke, wir werden eine Übergangsvereinbarung bekommen", sagte Seb James, CEO des grössten Elektronikhändlers Grossbritanniens, Dixons Carphone, im vergangenen Monat. "Es wäre für niemanden gut, falls es nicht so kommen würde."

(Bloomberg)