Brexit stürzt Irland in die Krise

Der Premierminister steht unter Druck, Volkswirte senken die Wachstumsprognosen und Unternehmen warnen vor den schwerwiegenden Folgen des Brexit. London? Keineswegs, sondern Dublin.
23.07.2016 08:12
Irland - im Bild ein Bierlastwagen der Brauerei Guinness - ist wirtschatlich eng an das Vereinigte Königreich gebunden.
Irland - im Bild ein Bierlastwagen der Brauerei Guinness - ist wirtschatlich eng an das Vereinigte Königreich gebunden.
Bild: Bloomberg

Die engen Handels- und Finanz-Verflechtungen zu Grossbritannien haben zur Folge, dass kein anderes Land die negativen Folgen der Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen, so stark spürt wie Irland. In diesem Jahr feiert die Insel den hundertsten Jahrestag des Osteraufstands gegen die britische Herrschaft, ist aber nach wie vor den Problemen seines nächsten Nachbarn ausgesetzt. "Dies ist das ernsteste und schwierigste der Probleme, denen sich das Land in 50 Jahren stellen musste", sagt John Bruton, von 1994 bis 1997 irischer Premierminister und später EU-Botschafter in den USA.

Die exportorientierten Konzerne des Landes haben gewarnt, dass ihre Gewinne und das Wirtschaftswachstum durch den Pfund-Einbruch ausgebremst werden - gerade als eine Erholung stattfindet, nachdem das Land erst 2010 aufgrund einer Bankenkrise auf eine internationale Rettungsaktion angewiesen war. Irische Aktien sind in den zwei Tagen nach der Brexit-Abstimmung um fast 18 Prozent eingebrochen. Nicht zuletzt weil Grossbritannien nach den USA wichtigster Abnehmer der Exporte des Landes ist und die Nummer eins bei Dienstleistungen.

Premierminister Enda Kenny bemüht sich darum, die Forderung der nordirischen Nationalisten nach einer Wiedervereinigungs-Abstimmung abzuwehren und muss sich damit abfinden, einen wichtigen Alliierten in der EU verloren zu haben. Gleichzeitig gibt es in seiner eigenen Partei Bestrebungen, ihn abzusägen.

«Konsequenzen sind unglaublich»

"Die Konsequenzen sind wirklich unglaublich", sagt Eoin Fahy, Chef-Volkswirt bei Kleinwort Benson Investors in der irischen Hauptstadt. Grossbritannien und Irland waren der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1973 beigetreten. Dabei ging es Irland nicht zuletzt darum, etwas aus dem Schatten des grossen Nachbarn herauszutreten. Mehr als vier Jahrzehnte später sind die beiden Länder jedoch wirtschaftlich, kulturell und sprachlich weiter eng miteinander verwoben.

Irland benutzt zwar den Euro als Währung, gleichzeitig beträgt das Handelsvolumen mit Grossbritannien jedoch etwa 45 Milliarden Dollar. Etwa 380'000 irische Staatsbürger, die in Grossbritannien leben, waren wahlberechtigt beim Brexit-Referendum. Das Nachbarland half auch mit, als Irland vor sechs Jahren gerettet werden musste, obwohl Grossbritannien nicht Teil der Eurozone ist. Als Theresa May am vergangenen Mittwoch den Posten der Premierministerin übernahm, zählte Kenny zu den ersten drei Staats- und Regierungschefs, mit denen sie sprach - neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Francois Hollande.

Jetzt stellt sich die Frage, wie Irlands Politiker und Top-Manager auf diese Aussenpolitikkrise reagieren werden, die den Bankenzusammenbruch und die Rettungsaktion in den Schatten stellen könnte. Kenny stellte bereits 2015 einen Regierungsausschuss zusammen, der Pläne für den Fall des Brexit entwickeln sollte. Zwar zählen zu den Vorschlägen unter anderem Unterstützungen für die Exporteure, die Regierung in Dublin gestand jedoch ein, dass es schwer ist, detaillierte Pläne auszuarbeiten, bevor das genaue künftige Verhältnis Grossbritanniens zur EU feststeht.

Problem Nordirland

Das offensichtlichste Problem ist die 500 Kilometer lange Grenze zuwischen Nordirland und der Republik Irland. Nachdem die Gewalt in Nordirland abflaute und die Länder in den EU-Binnenmarkt eingingen, schmolzen auch die Grenzkontrollen dahin. Etwa 30'000 Menschen überqueren die Grenze täglich.

Peter Madden fährt zweimal die Woche von seinem Zuhause in der Ortschaft Meath im Süden zu seinem Job bei einer Gärtnerei in Dungannon, Nordirland. "Ob ich besorgt bin, dass die Grenze wieder zurückkommt und wieder Leute mit Gewehren in Schützengräben rumhängen?", fragt Madden. "Nein, damit rechne ich nicht."

Wie Madden konzentrieren sich auch viele andere auf die wirtschaftlichen Auswirkungen. Der Pfund-Einbruch macht der Wirtschaft zu schaffen, von exportorientierten Unternehmen angefangen bis hin zu Landwirten. Nachdem etwa 40 Prozent der irischen Nahrungsmittelexporte nach Grossbritannien gehen, ist die Landwirtschaft der Bereich, der am stärksten vom Brexit und möglichen Zöllen betroffen wäre.

Werbung für die grüne Insel

Schon vor dem Votum warb die staatliche Agentur IDA, deren Aufgabe darin besteht, Investitionen an Land zu ziehen, bei Unternehmen wie Standard Chartered für die grüne Insel. Kaum stand das Ergebnis fest, nahm die Agentur zu Tausenden Kunden Kontakt auf, erklärt IDA-Chef Martin Shanahan. "Wir waren gut vorbereitet", sagt Shanahan.

Der Plan besteht jetzt darin, vor allem in Europa und den USA für die Vorzüge von Irland zu werben. Aber auch das wird den Iren nicht so einfach gemacht. Denn mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU könnte ein entscheidender Vorzug Irlands wegfallen - die niedrige Körperschaftssteuer von 12,5 Prozent für ausländische Unternehmen. In London wird nämlich überlegt, die Folgen des Brexit dadurch abzufedern, dass diese Steuer in Grossbritannien auf 15 Prozent gesenkt wird.

(Bloomberg)