Brexit-Votum spaltet Gemeinde der Dax-Auguren

Nach der EU-Abstimmung in Grossbritannien waren sich deutsche Prognostiker einig: Es kommt zur Krise. Nun streitet die Zunft darüber, warum diese bisher nicht eingetreten ist.
03.09.2016 17:30
In Frankfurt waren die Börsianer konsterniert über das Brexit-Votum.
In Frankfurt waren die Börsianer konsterniert über das Brexit-Votum.
Bild: cash

Selten haben sich Börsianer mit ihren Vorhersagen so getäuscht wie beim Brexit-Votum. Ein Nein der Briten zur EU galt zwar als eines der grossen Risiken für die Weltwirtschaft und Horrorszenario für die Finanzmärkte.

"Monatelang haben wir uns gegrämt, was alles passieren würde, wenn sich die Briten für den Austritt aus der EU entscheiden würden", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Assenagon. Dass es dann aber tatsächlich zum Votum für einen Ausstieg aus der EU kam, hatte trotzdem keiner so richtig auf dem Zettel. Und auch der Höhenflug des Dax wenige Wochen später erwischte viele Investoren auf dem falschen Fuss. Die Fehlprognosen verunsichern und spalten das Lager der Analysten: Einige sind nun deutlich optimistischer als noch vor ein paar Monaten, andere sehen das dicke Ende erst noch kommen.

"Zum einem wissen wir noch nicht, was bei der Konjunktur noch alles an Zweit- und Drittrundeneffekten kommen kann", warnt Hüfner. Zum anderen sei völlig unklar, wie das wirtschaftliche Verhältnis Grossbritanniens zur EU künftig aussehen werde. Die deutsche Wirtschaft stand im August weiter unter dem Schock der Entscheidung: Die Stimmung in den deutschen Chef-Etagen verschlechterte sich den zweiten Monat in Folge und so stark wie seit dem Höhepunkt der europäischen Staatschuldenkrise vor rund vier Jahren nicht mehr.

Märkte haben Schock vorerst überwunden

An den Aktienmärkten fiel die Reaktion auf das Referendum erstaunlich gelassen aus. Zwar ging es für den Dax unmittelbar nach dem Entscheid am 23. Juni rund sieben Prozent abwärts. Knapp zwei Monate später markierte er aber mit 10.802,32 Punkten ein Jahreshoch. In Summe legte er zeitweise rund dreizehn Prozent zu. Der britische Leitindex FTSE, der selbst am 'Day After' nur drei Prozent verloren hatte, machte dieses Minus in weniger als einer Woche wett. Mitte August flirtete der "Footsie" erstmals seit mehr als einem Jahr wieder mit der 7000er Marke.

Angesichts dieser Kursgewinne blicken die Experten der Commerzbank optimistisch in die Zukunft. Die Berichtssaison im zweiten Quartal sei besser ausgefallen als befürchtet. Zwar könne der September etwas ungemütlich werden, im Schlussquartal sei aber ein Dax-Anstieg auf 11.200 Zähler drin. Derzeit liegt der Leitindex bei rund 10.550 Punkten.

Ähnlich urteilt die Helaba: "Aktien haben noch Luft nach oben." Die Analysten rechnen zum Jahresende mit 11.200 statt zuvor 10.800 Zählern im Dax. Ihre Kollegen von MM Warburg sehen den Leitindex bei 11.200 statt vorher bei 10.350 Punkten. Die Flut billigen Geldes und niedrige Zinsen machten Aktien attraktiv. Die Geldpolitik sei so expansiv wie niemals zuvor in den vergangenen 25 Jahren und noch sei Spielraum für mehr vorhanden.

Skepsis bleibt

Die Analysten der DZ Bank schraubten ihre Prognosen dagegen auf 11.000 Zähler von 12.500 Stellen zurück. Anlegern, die auf eine substanzielle Erholung setzten, drohe im Herbst eine herbe Enttäuschung. "Der fundamentale Unterbau der Unternehmen kann den Kursaufschwung der vergangenen Wochen nicht mehr tragen", warnt Analyst Michael Bissinger.

Auch Chefanlagestratege für die Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, Ulrich Stephan, mahnt zur Vorsicht. "Für einen weiteren Anstieg der Aktienmärkte bedarf es meines Erachtens eines höheres Gewinnwachstums, beispielsweise verbunden mit fiskalischen Massnahmen, oder eine noch expansivere Geldpolitik."

Eines haben Optimisten und Pessimisten allerdings gemeinsam: Ihre Furcht vor einem Wahlsieg Donald Trumps. Sollte der Milliardär aus den US-Präsidentschaftswahlen im November als Sieger hervorgehen, sehen sie schwere Zeiten auf US-Wirtschaft und Finanzmärkte zukommen.

(Reuters)