Büro für Könige, Züge veraltet - was in der Ukraine falsch läuft

(Bloomberg) -- Schon ein Blick in sein neues Büro als Chef der staatlichen Eisenbahngesellschaft der Ukraine machte Wojciech Balczun klar, was bei dem Unternehmen alles schief lief.
23.07.2016 18:55
Bergarbeiterdenkmal in Donezk, Ukraine.
Bergarbeiterdenkmal in Donezk, Ukraine.
Bild: iNg

Schon ein Blick in sein neues Büro als Chef der staatlichen Eisenbahngesellschaft der Ukraine machte Wojciech Balczun klar, was bei dem Unternehmen alles schief lief. Der Pole, der als erster Ausländer ein komplett staatliches Unternehmen in der Ukraine leitet, war schockiert, als er sah, was für ein Unterschied zwischen seinem neuen Umfeld und dem angeschlagenen Konzern bestand.

Während sein Arbeitsplatz mit teurem Mammutbaum-Holz getäfelt war und eine eigene Minibar alle seine Wünsche erfüllt, stammen die modernsten Güterzug-Lokomotiven des Unternehmens aus dem Jahr 1969 und auch die meisten Passagierwaggons kommen noch aus der Sowjetära.

Was Balczun bei seinem Amtsantritt vor einem Monat vorfand, unterstreicht die Herausforderungen, vor denen die Ukraine auch zwei Jahre nach ihrer zweiten Revolution in einem Jahrzehnt immer noch steht. Nach wie vor beherrschen Missmanagement und Korruption die Unternehmenslandschaft - Praktiken, die sich schon unter dem früheren Präsidenten Wiktor Janukowitsch gut entwickelten. Das Land ist von ausländischen Geldern abhängig, und die Geldgeber verlangen von der Regierung, schärfer gegen die Korruption vorzugehen und für mehr Transparenz zu sogen - bislang allerdings ohne grossen Erfolg.

Weitverzweigter Staatskonzern

Nachdem Balczun in seinem Heimatland grosse Erfolge bei der Überholung des Schienensystems erzielt hatte, wurde ihm in der Ukraine angeboten, das Eisenbahn-Monopol Ukrzaliznytsya auf vergleichbare Weise wiederzubeleben. Der weit verzweigte Staatskonzern kommt mit seinen fast 300'000 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von etwa 2,5 Milliarden Dollar. Der erste Eindruck, der sich Balczun bot, liess ihn jedoch stocken.

"Meine Erwartungen waren wirklich nicht hoch", sagte Balczun im Interview mit Bloomberg und verglich sein Büro mit einem Museum. "Aber nachdem ich ein paar Wochen hier war, denke ich: Hätte ich die Chance, es noch einmal zu tun, würde ich es mir viel besser überlegen, mich für diesen Job zu bewerben. Es ist allerdings schon eine der grössten Herausforderungen, die sich ein Bahn-Manager vorstellen kann."

Vor dem Hintergrund der von den Kreditgebern angemahnten Finanz-Strenge stellt Ukrzaliznytsya ein Haushaltsrisiko dar, das gelöst werden muss. Das Unternehmen, zu dem unter anderem auch ein Volleyball-Klub gehört, hat im Jahr 2014 einen Verlust von mehr als 15 Milliarden Hrywnja (546 Mio. Euro) eingefahren, nachdem der Güterverkehr in den Osten zusammenbrach, die Landeswährung einbrach und die Wirtschaft in eine Rezession zurückfiel. Im vergangenen Jahr weiteten sich die Verluste noch aus, trotz einer Vereinbarung für eine Schuldenrestrukturierung und einer Preiserhöhung. 

«Gute Aussichten»

Die Investmentbank Dragon Capital sprach in der vergangenen Woche in einer Einschätzung von "guten Aussichten für weitere Reformen bei dem Unternehmen mit der Ankunft eines neuen ausländischen Managements". Gelobt wurde auch die frühzeitige Veröffentlichung der Finanzzahlen, die drei Monate früher als im Jahr davor erfolgte.

Andere Staatskonzerne haben sich als ähnlich toxisch erwiesen. Der Energiekonzern NAK Naftogaz Ukrainy, der jahrelang dir grösste Belastung für den Staatshaushalt darstellte, hat mittlerweile die Preise erhöht und wird jetzt zerschlagen, um die Effizienz zu erhöhen. Ein Ex-KPMG-Manager mit einem MBA-Abschluss der Georgetown University, wurde an Bord geholt, um der Postgesellschaft Ukrposhta wieder auf die Beine zu helfen.

Staatsfirmen waren auch von Korruption durchsetzt. Wirtschaftsminister Aivaras Abromavicius legte im Februar sein Amt nieder, und erklärte zur Begründung, dass ein Mitglied der Regierungspartei einen Geschäftspartner in eine führende Management-Position habe einsetzen wollen. Sein Abgang löste die stärkste politische Krise in dem Land seit der Revolution aus.

Privatisierung

Die Regierung, die eigentlich die Privatisierung in dem Land vorantreiben wollte, kann dies bei Ukrzaliznytsya nicht tun, da das Parlament den Verkauf verboten hat. In einem ersten Schritt will Balczun die Kosten um zehn Prozent senken und dadurch 280 Millionen Dollar pro Jahr einsparen. Mit diesem Geld will er dann die veralteten Züge modernisieren. Gegen die Korruption würde er auch gerne vorgehen, war jedoch erstaunt, feststellen zu müssen, dass er einen Mitarbeiter, der beim Stehlen erwischt wurde, aus bürokratischen Gründen nicht sofort feuern konnte.

"Die Korruption ist ein riesiges Problem - es kommt mir so vor als sei das gesamte System so entworfen worden, dass sie dadurch ermöglicht wird", sagt Balczun, der betont, dass er völlige Autonomie brauche, um seine Änderungen umzusetzen. "Ich würde gerne mit einem nie dagewesenen Modernisierungsprogramm starten."

Balczun hat einen weiteren Polen an Bord geholt für die Beschaffung bei Ukrzaliznytsya, da er "neue Leute mit makellosem Ruf" brauche. Seit seinem Antritt wurde ein Abkommen mit Bombardier für die gemeinsame Produktion von Lokomotiven unterzeichnet.

Eine der ersten Forderungen von Balczun war ein neuer Stuhl für seinen Schreibtisch, um den luxuriösen Sessel, den er vorfand, zu ersetzen. "Ich fühle mich nicht wohl mit Verlusten", sagte Balczun. "Ich wäre gerne ein Symbol für positive Änderungen in diesem Land."

(Bloomberg)