Cameron rüffelt "Wahrheitsverdreher" Johnson - der zitiert ein Comic

Die Briten haben das Brexit-Referendum vor drei Jahren David Cameron zu verdanken. Der damalige Premier hatte sich politisch verzockt - und rechnet nun mit dem aktuellen Regierungschef Boris Johnson ab. Der wiederum wagt einen äusserst ungewöhnlichen Vergleich.
15.09.2019 10:24

Der frühere britische Premierminister David Cameron hat den amtierenden Regierungschef Boris Johnson als politischen Opportunisten und prinzipienlosen Populisten kritisiert. Sein Parteikollege habe sich vor dem Brexit-Referendum 2016 aus rein egoistischen Motiven als Verfechter eines britischen EU-Austritts inszeniert, heisst es in einem Auszug aus Camerons Memoiren, den die "Sunday Times" vorab veröffentlichte. Johnson reagierte zunächst nicht auf die Vorwürfe und beteuert weiterhin, er werde Grossbritannien am 31. Oktober aus der EU führen - notfalls auch ohne vorherige Einigung mit der Europäischen Union.

"Boris hat etwas unterstützt, an das er selbst nicht glaubte", heisst es im Vorabdruck aus Camerons Memoiren mit dem Titel "For the Record" (Fürs Protokoll), die der konservative Ex-Premier kommende Woche veröffentlichen will. "Er hat einen Ausgang (der Volksabstimmung) riskiert, an den er selbst nicht glaubte, um seine politische Karriere zu befördern." Johnson habe sich "widerwärtig verhalten, die eigene Regierung attackiert, das miese Vorgehen des eigenen Lagers ignoriert" - und sei ein "Aushängeschild des Experten verleumdenden, wahrheitsverdrehenden Zeitalters des Populismus geworden".

Die beiden Männer verbindet eine langjährige, von starker Konkurrenz geprägte Beziehung. Sie kennen sich bereits aus Schultagen im Elite-Internat Eton - und die Rivalität scheint noch immer nachzuwirken. Erst vor Kurzem war ein aktuelles Regierungsdokument an die Öffentlichkeit gelangt, in dem Johnson seinen Vor-Vorgänger als "mädchenhaften Streber" bezeichnet.

Cameron war nach dem Brexit-Votum der Briten im Jahr 2016 zurückgetreten. Er hatte das Referendum vor allem initiiert, um seine Position in der Konservativen Partei gegen die EU-Kritiker zu festigen. Cameron warb für den Verbleib Grossbritanniens in der Europäischen Union, unterlag aber knapp den Befürwortern eines Austritts, zu deren Wortführern Johnson gehörte. Inzwischen hält Cameron ein zweites Brexit-Referendum für möglich, einen EU-Austritt ohne Abkommen - wie von Johnson angedroht - aber für keine gute Idee.

Hartnäckig halten sich Berichte über eine mögliche Annäherung zwischen London und Brüssel im Brexit-Streit. Passend dazu sagte Johnson der "Mail on Sunday", er sei "sehr zuversichtlich" vor seinem Gespräch mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Montag in Luxemburg. Derzeit würden grosse Fortschritte erzielt.

Im Interview wählte Johnson ein ungewöhnliches Bild, indem er Grossbritannien mit einer berühmten Comic-Figur verglich - dem Wissenschaftler Bruce Banner, der sich in ein muskelbepacktes Monster namens "Hulk" verwandelt, wenn er in Rage gerät. "Banner mag Handschellen tragen", sagte Johnson der Zeitung, "aber wenn man ihn provoziert, sprengt er sie. Hulk ist immer entkommen, egal wie eng gefesselt er war - und so ist das auch mit diesem Land. Wir werden rausgehen am 31. Oktober, und wir werden es vollbringen."

Die nächste Etappe nach dem Arbeitsessen mit Juncker in Luxemburg nimmt sich dagegen etwas weniger spektakulär aus. Am Dienstag beginnt die Anhörung vor dem obersten britischen Gericht zu der Frage, ob die von Johnson auferlegte fünfwöchige Zwangspause des Parlaments rechtmässig ist. Ein schottisches Gericht hatte zuvor die Schliessung bis zum 14. Oktober für unrechtmässig erklärt und Johnson vorgeworfen, die Abgeordneten kaltstellen zu wollen.

(AWP)