cash-Umfrage - Bankenkritische Stimmung nützt der Vollgeld-Initiative

Die Vollgeld-Initiative findet in einer cash-Online-Umfrage unter 5000 Teilnehmenden eine relativ hohe Zustimmung. Bankenkritische Haltungen dürften eine wichtige Rolle spielen.
13.05.2018 23:06
Von Marc Forster
Am 10. Juni stimmt die Schweiz unter anderem über die Vollgeld-Initiative ab.
Am 10. Juni stimmt die Schweiz unter anderem über die Vollgeld-Initiative ab.
Bild: Bloomberg

Revolutionäre Vorlagen haben es bei einem Schweizer Urnengang immer schwer. Die Vorlagen gegen Rundfunkgebühren bei der No-Billag-Abstimmung vor einigen Wochen, für eine rigorose Ausländerpolitik bei der Durchsetzungsinitiative vor gut zwei Jahren oder zur Begrenzung der Lohnunterschiede auf das Verhältnis 1 zu 12 im Jahr 2013 hatten letztlich keine Chance auf eine Mehrheit.

Die Vollgeld-Initiative, die am 10. Juni zur Abstimmung kommt, will ebenfalls grundlegende Veränderungen. Sie würde die Schweiz geldpolitisch und wirtschaftlich auf völlig neue Füsse stellen. Die Initianten wollen, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank (SNB) elektronisches Geld bereitstellen kann. Und nicht mehr, wie jetzt üblich, auch die Geschäftsbanken.

Die Kreditvergabe an Unternehmen, der Frankenkurs oder auch der Aktienmarkt würden vor neuen Bedingungen stehen. Wie einschneidend die Veränderungen wären, ist Teil der Debatte um die Vorlage. Das zentrale Argument Pro-Vollgeld ist, dass das Finanzsystem stabiler würde und dass Milliardenrettungen von Banken nicht mehr nötig seien. Das wichtigste Argument der Gegner der Initative ist, dass Vollgeld ein unerprobtes Risiko darstelle und dessen Einführung wirtschaftliche Verwerfungen mit sich führen könne.

Die Vorlage erklärt: Worum geht es bei der Vollgeld-Initiative?

Die Zustimmung zur Vollgeldinitative, wie sie in der cash-Umfrage von vergangener Woche zum Ausdruck kam, ist indessen relativ hoch. 41 Prozent der Leserinnen und Leser von cash.ch, die an der Umfrage teilnahmen, sprechen sich für das Vollgeld aus.

In absoluten Zahlen: 2098 Ja-Stimmen stehen 2975 Nein-Stimmen entgegen. Als cash.ch im April 2015 schon einmal zum Vollgeld eine Umfrage machte, lag die Zustimmung gar bei 72 Prozent. Allerdings, ohne dass zu diesem Thema damals schon eine breite Debatte geführt wurde.

Obwohl cash-Umfragen nicht repräsentativ sind, haben sie früher vor Abstimmungen jeweils einen erstaunlich genauen Trend angezeigt: Bei der 1:12-Initiative beispielsweise lag die cash-Leser-Ablehnung bei 68 Prozent, in der Abstimmung waren es dann 65 Prozent.

Bankenkritiker verschiedener Couleur

cash-Leserinnen und Leser haben nicht nur abgestimmt, sondern auch in ungewöhnlich grosser Zahl Kommentare geschrieben. In diesen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass das Misstrauen gegenüber den Geschäftsbanken beträchtlich ist. Die Idee der Vollgeld-Initianten, den Handlungsspielraum der Banken einzuschränken, fällt auf fruchtbaren Boden.

"Einer CS oder einer UBS vertraue ICH z.B. gar nicht", schreibt Leser René Zwicky. Das Votum von User P.M. fällt so aus: "Womit machen heutige Banken eigentlich so viel Gewinn? Was stellen sie her, was so wertvoll wäre? Was da auf den Finanzmärkten abgeht, ist ein hochprofitables Geschäft, aber nicht zum Wohle der Bürger." Kommentator "Der Rückbauer" fühlt sich von den Banken schlicht "verarscht".

Man weiss bereits, dass zwei Wählergruppen die Vollgeld-Initiative besonders unterstützen: Zum einen sind es Wähler, die der SVP nahestehen und die aufgrund ihrer Heimatverbundenheit die globalisierten Banken und das internationale Finanzsystem als Bedrohung wahrnehmen. Zum andern sind es auf der gegenüberliegenden Seite des Wählerspektrums SP-nahestehende Schichten, denen in ihrer ablehnenden Haltung zum Kapitalismus das heutige Finanzsystem zu profitgetrieben ist und zu wenig soziale Verantwortung erkennen lässt.

Hält der Trend an?

Die SVP und die SP als Gesamtparteien unterstützen wie Bundesrat, Parlament und die übrigen grossen Parteien die Nein-Kampagne zum Vollgeld. Das heisst aber noch wenig: SVP- und SP-Unterstützer in der Bevölkerung können anders entscheiden. Sie bilden zusammen knapp die Hälfe derjenigen, die abstimmen und wählen.

Sollte also eine genügend grosse Zahl von Stimmbürgern aus diesen beiden Gruppen auch am 10. Juni die Vollgeldinitiative unterstützen, ist es durchaus möglich, dass die Zustimmung vergleichsweise hoch sein wird. Möglich ist aber auch, dass zumindest bei den linken Vollgeld-Befürworten sich noch einige zu den Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Lagern gesellen werden, welche die Initiative ablehnen. Die Schweizer Tendenz ist, dass die Zustimmung zu einer Initiative noch abnimmt, wenn der Abstimmungstag näherkommt.

Aktuellen, repräsentativen Umfragen zufolge sprechen sich 35 Prozent der Befragten für Vollgeld aus. Bei cash.ch waren es, wie erwähnt, 41 Prozent. Aktuell wäre wohl eine Zustimmung zwischen diesen beiden Werten realistisch. Dies wäre für eine Vorlage, die eine deutliche Umstellung des gegenwärtigen Systems verlangt, ein ziemlicher Achtungserfolg.