«China wird eine sanfte Landung haben»

Die Abschwächung der chinesischen Wirtschaft trifft auch umliegende Länder wie Südkorea. Dennoch zeigt sich die dortige Börse relativ robust. Und das Land wirbt weiter für sich als «Einfallstor zu China».
27.10.2015 15:15
Von Daniel Hügli, Seoul
Young Sam Kim ist Generaldirektor im Handelsministerium von Südkorea.
Bild: cash

Die Verlangsamung von Chinas Wachstum zieht in Asien weite Kreise. Einige Volkswirtschaften werden vom Abschwung sogar härter getroffen als China selber. Das zeigt das Beispiel Südkorea. Während die Exporte in China im August gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,5 Prozent zurückgingen, fielen sie in Südkorea im gar zweistelligen Prozentbereich.

Südkorea, das sich seit 1953 von einer der ärmsten Länder zu einer der wichtigsten Industrienationen entwickelt hat, blickt daher nicht ohne eine gewisse Besorgnis nach China. Denn Südkorea ist ein Profiteur von Chinas Aufstieg zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. Fast 30 Prozent der koreanischen Güter gehen nach China. Südkorea erwirtschaftete im Handel mit China im letzten Jahr als eines von wenigen Ländern einen Überschuss, nämlich 55 Milliarden Dollar.

Auf Regierungsseite in Seoul gibt man sich hingegen gelassen. "Wir in Korea glauben daran, dass die chinesische Wirtschaft ein 'soft landing' haben wird", sagt Young Sam Kim im cash-Video-Interview. Kim ist Generaldirektor für grenzüberschreitende Investmentpolitik beim südkoreanischen Ministerium für Handel, Industrie und Energie. Auch ohne ein Wachstum von 8 Prozent wie früher werde es der chinesischen Wirtschaft gut gehen, so Kim. "Wir glauben an das Potenzial von China."

Kims China-Zuversicht liegt vor allem im Glauben an die "starke Regierung" in Peking, welche ein unkontrolliertes Abdriften der Wirtschaft nicht zulassen werde. Ein "nachhaltiges Wachstum" in China sei sehr wichtig für Südkorea, so Kim. Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr. Denn Südkorea hat mit China in diesem Jahr ein Freihandelsabkommen abgeschlossen, das den Handel und Investitionen ankurbeln soll.

Werben um Investitionen

Südkorea geht es nicht bloss um Investitionen aus China. Diese halten sich im internationalen Vergleich noch im Rahmen. Südkorea weibelt denn auch seit Jahren vor allem in Europa um Investitionen. Kim bietet sich für ausländische Unternehmen auch offen als "Einfallstor zu China" an. In China entstehe ein riesiger Konsumentenmarkt. Korea könne für ausländische Firmen als Basiscamp dienen, diesen Markt zu erobern.

Es bestehen auch 52 Freihandelsabkommen mit anderen Staaten, seit 2006 übrigens auch mit der Schweiz. Die Schweiz, die mit etwa 70 Firmen in Südkorea vertreten ist (Syngenta oder Endress + Hauser), schafft es mit Investitionen in Südkorea dennoch nur knapp unter die ersten 20 Länder. Spitzenreiter ist mit Abstand die USA.

Ein weiterer Vorteil Südkoreas sei dessen zentrale Lage, sagt Kim. Von Seoul aus könnten in einer Flugzeit von drei Stunden 61 Städte angeflogen werden, die mehr als eine Million Einwohner haben. 

Doch trotz grosszügiger staatlicher Subventionen und steuerlichen Vorteilen für ausländische Unternehmen gibt es auch Hindernisse für Investments. Gewisse Wirtschaftszweige bleiben für externe Unternehmen schwierig. Und dass sich das Land noch bis 2003 konsequent gegen ausländische Wettbewerber abgeschottet hatte, merkt man bis heute. So konnte der schwedische Möbelgigant Ikea, der in vielen Ländern Asiens schon lange präsent ist, in Südkorea erst in diesem Frühjahr seine erste Filiale eröffnen.

Hindernisse für ausländische Unternehmen sind oft die südkoreanischen Chaebols, welche ihre Pfründe verteidigen. Chaebols sind die mächtigen Wirtschaftskonglomerate wie Samsung, LG, Lotte, Hyundai oder SK, die von Elektronik über Autos und Hotellerie bis zu Fast-Food-Ketten in Südkorea so ziemlich überall vertreten und mit dem Staat traditionell eng verbandelt sind. 

Sprache als Problem

Die 60 grössten Chaebols tragen über zwei Drittel zur südkoreanischen Wirtschaftsleitung bei. Hustet ein oder zwei Chaebol, dann kann besteht die Gefahr, dass ganz Südkorea die Grippe bekommt. Die Regierung hat diese Gefahr schon vor Jahren erkannt und fördert mittlerweile gezielt mittelständige Unternehmen und Start-ups.

Die Sprache ist für ausländische Investoren ein zusätzliches Problem in Südkorea. Ein Umstand, dass angesichts der Modernisierung des Landes etwas erstaunt. Denn das Land ist in den diversen Ranglisten der innovativsten Länder meist im ganz oberen Bereich angesiedelt, die Technikbegeisterung der Bevölkerung ist fast grenzenlos. Beim Ausbau-Standard von Internet und Mobiltelefonie sind die Südkoreaner weltweit an der Spitze.

"Die Publikationen der südkoreanischen Firmen sind meist in koreanischer Sprache gehalten. Daher haben ausländische Investoren oft Schwierigkeiten, diese Publikationen zu verstehen", klagte Roger Guojan, ein Analyst bei Pheim Asset Management in Singapur, kürzlich in der "Korean Times". Laut Kim hat die Regierung das Sprachproblem erkannt: "Wir müssen den Sprachservice erhöhen".

Kosmetik-Aktien und Small-Caps sind heiss

Investor Guojan interessiert sich am koreanischen Aktienmarkt vor allem für Firmen aus den Bereichen Biotech und Kosmetik. Er schätzt etwa die Aktie von AmorePacific, dem grössten Kosmetikkonzern Koreas. Der Titel hat in diesem Jahr 69 Prozent zugelegt. AmorePacific ist mittlerweile eine der schwersten Aktien im südkoreanischen Leitindex Kospi, der die 100 grössten Aktien des Landes versammelt.

Der Kospi hat in diesem Jahr – trotz der Turbulenzen am chinesischen Aktienmarkt – respektable 7 Prozent zugelegt. Dies obwohl die beiden grössten Aktien, Samsung Electronics und Hyundai Motor, in diesem Jahr im Minus liegen. Der Swiss Market Index hat im selben Zeitraum fast 2 Prozent verloren.

Auf Fünf-Jahres-Sicht konnte der Kospi allerdings bloss minim zulegen, wohingegen der SMI seither eine Performance von 36 Prozent aufweist. Viele Investoren haben sich in letzter Zeit daher von den grossen, eher unbeweglichen südkoreanischen Firmen abgewandt und haben auf kotierte Small und Mid-Caps gesetzt. So hat der Kospi SmallCap Index in diesem Jahr bereits über 30 Prozent zugelegt.

Schauen Sie hier das cash-Video-Interview mit Young Sam Kim.

Der Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der Kotra (Förderorganisation für Investitionen in Korea) eingeladen hatte.