Chlortransporte per Bahn sollen sicherer werden

Bern (awp/sda) - Chlortransporte auf der Schiene sollen sicherer werden. Dazu sollen die Züge langsamer fahren, die Transportrouten kürzer werden und immer das beste verfügbare Rollmaterial zum Einsatz kommen. Wirtschaft, SBB und Behörden unterzeichneten eine entsprechende gemeinsame Erklärung.
26.09.2016 13:00

Unter Leitung des Bundesamts für Umwelt (BAFU) befasste sich eine Arbeitsgruppe seit 2015 mit der Frage, wie das Amt am Montag mitteilte. Besonderes Augenmerk galt dem Genferseebogen, weil die Grossverbraucher im Wallis ihr Chlor vornehmlich aus Frankreich beziehen und entlang des Genfersees transportieren.

Wegen des Bevölkerungs- und Siedlungswachstums in diesem Gebiet würden die Risiken ohne Gengenmassnahmen stark steigen, schreibt das BAFU. Unter Einbezug der betroffenen Kantone Genf, Wallis, Waadt und Basel-Stadt definierte das Amt ein Massnahmenpaket.

In der gemeinsamen Erklärung verpflichten sich der Branchenverband Scienceindustries (Chemie, Pharma, Biotech), die SBB, der Verband der verladenden Wirtschaft, das Bundesamt für Verkehr und das BAFU zur Umsetzung bis Ende 2018.

RISIKOSENKUNG UM FAKTOR ZEHN

Die Unterzeichner überwachen die Massnahmen und beziehen die Kantone weiterhin ein. Eine erste gemeinsame Erklärung wurde 2002 unterschrieben.

Störfälle bei Chlortransporten haben eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit. Treten sie aber ein, sind die Auswirkungen durch die Gefährlichkeit des Chlors beträchtlich. Die Massnahmen sollen darum bis Ende 2018 das Risiko um den Faktor zehn senken.

Danach wird eine weitere deutliche Reduktion angestrebt. Wie das verhältnismässig, technisch möglich und wirtschaftlich tragbar zu realisieren ist, soll eine Roadmap bis Ende 2018 zeigen. Für diese wird neben alternativen Bezugsquellen auch über eine völlig neue Generation von Kesselwagen diskutiert.

Auch die Chlorproduktion näher bei den Grossverbrauchern wird geprüft. Das wäre für die Unternehmen angesichts des verhältnismässig geringen Bedarfs und der recht hohen Produktionskosten aber ein internationaler Wettbewerbsnachteil.

EIGENE GÜTERZUGVERBINDUNG

Sofortmassnahmen hat die SBB bereits zum Fahrplanwechsel 2015 ergriffen. Sie führte für die Chlorkesselwagen eine Güterzugverbindung mit reduzierter Geschwindigkeit durch die dicht besiedelten Agglomerationen von Genf und Lausanne ein. Weiter muss der Güterzug nicht mehr zum Lokomotivwechsel in den Güterbahnhof La Praille GE fahren.

Die Industrie ihrerseits steht mit den Chlorproduzenten im Ausland in Kontakt, um Chlor für das Wallis auf einem kürzeren Weg und nicht mehr durch die Agglomerationen zu importieren. Zudem sollen nur noch die sichersten Kesselwagen zum Einsatz kommen. Diese Massnahmen erhöhen den Transportpreis und werden von den Grossverbrauchern getragen.

Das Bundesamt für Verkehr prüft mit der SBB, ob die Chlorkesselwagen nur noch in Sonderzügen und reduzierter Geschwindigkeit verkehren können. Zudem werden Bahnstrecken auf Hindernisse geprüft, die bei einer allfälligen Entgleisung die Kesselwagen aufreissen könnten. Sollte die Risikoreduktion nicht gelingen, wird eine Transportbeschränkung für die Chlorwagen ins Auge gefasst.

Der Kanton Wallis begrüsste die Vereinbarung. Die Chemieindustrie generiere 13,3 Prozent des Walliser Bruttoinlandprodukts und sei stark vom Chlor abhängig. In Visp und Monthey sind demnach 3000 Stellen unmittelbar mit Produktionen, die Chlor benötigen, verbunden. Weitere rund 1000 Stellen etwa bei Zulieferern sind indirekt betroffen.

HOCHGEFÄHRLICHES GAS

Chlor wird unter Druck verflüssigt. Der chemischen Industrie dient es als Baustein für die Herstellung von Rohstoffen für Gegenstände wie Möbel oder Haushaltsgeräte. Es wird in grossen Mengen nur mit dem Zug transportiert.

Bereits kleine Mengen können beim Einatmen zum Tod führen. Wird es freigesetzt, breitet es sich am Boden mehrere hundert Meter aus, weil es schwerer als Luft ist. Damit sind auch Menschen gefährdet, die nicht direkt am Unfallort sind.

cp/

(AWP)