«Crowdfunding muss reguliert werden»

Mit Crowdlending ist eine ähnlich hohe Rendite wie mit Aktien zu erzielen, sagt Bankenprofessor Andreas Dietrich im cash-Interview. Er nennt zudem mögliche Fallgruben und sagt, wohin der Trend bei dieser Anlageform geht.
01.10.2014 01:05
Interview: Ivo Ruch
Professor Andreas Dietrich lehrt an der Hochschule Luzern Finance und Banking.
Professor Andreas Dietrich lehrt an der Hochschule Luzern Finance und Banking.
Bild: ZVG

cash: Herr Dietrich, für Crowdfunding-Projekte wurden in der Schweiz im letzten Jahr 11,6 Millionen Franken eingesammelt. Welchen Betrag erwarten Sie für 2014?

Prof. Andreas Dietrich: Wir haben noch nicht von allen Plattformen Zahlen gesehen. Aber wir gehen davon aus, dass es etwa zu einer Verdoppelung dieses Betrags kommen wird. Das wäre relativ gesehen ein hohes Wachstum. In absoluten Zahlen befindet sich der Schweizer Markt aber immer noch auf einem tiefen Niveau.

In den USA wird mit Crowdfunding bereits ein Umsatz von 3,3 Milliarden Dollar gemacht. Warum ist dieser Markt in den angelsächsischen Ländern viel weiter entwickelt?

Einerseits ist der Markt viel grösser. Zudem sind die Innovationsfreudigkeit und die Tradition, in junge Unternehmen zu investieren, ausgeprägter. Dann sind die angelsächsischen Länder in regulatorischer Hinsicht bereits einen Schritt weiter, was zu mehr Sicherheit führt. Schliesslich ist der Bekanntheitsgrad des Crowdfunding durch ein paar Erfolgsstories grösser.

Gibt es in der Schweiz gewisse Branchen, die besonders häufig über solche Plattformen Geld einsammeln?

Im Bereich Crowdinvesting, wo es vor allem darum geht, Eigenkapital einzusammeln, kann man noch keinen Trend ablesen, weil es noch zu wenig Projekte gibt. Beim Crowdsupporting, wo es um eine Unterstützung ohne finanzielle Gegenleistung geht, ist der kulturelle Bereich am weitesten fortgeschritten. Auf Plattformen wie wemakeit.com holen sich viele Musiker, Autoren oder bildende Künstler Unterstützung.

Inwiefern sind diese Formen der Geldbeschaffung eine Konkurrenz für die Banken?

Plattformen, auf denen es vor allem ums Spenden geht, also Crowdsupporting und Crowddonating, sind keine Konkurrenz für die Banken. Die Finanzierung von jungen Start-ups über Crowdinvesting ist für die Banken auch nicht wirklich spannend. Bleibt noch das Crowdlending, bei dem es sich in erster Linie um Kreditvergabe zwischen Privatpersonen handelt. Dieser Markt ist am ehesten eine Konkurrenz für die Anbieter von Konsumkrediten. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass sich in Zukunft auch das eine oder andere KMU über die Crowd und nicht über eine Bank finanziert. Aber es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis dieser Markt auch volumenmässig eine Konkurrenz für herkömmliche Bankkredite darstellt.

Gibt es denn Banken, die ihrerseits im Bereich Crowdfunding Fuss fassen wollen?

Ja, es gibt mehrere Banken, die sich mit dem Thema beschäftigen. Aber ich darf keine Namen nennen. Bei einer Bank gibt es bereits ein Pilotprojekt zur Vermittlung von Krediten zwischen Privatpersonen. In Deutschland gibt es schon Finanzinstitute, die Crowdfunding-Plattformen betreiben, beispielsweise die Volksbank Bühl.

Die Margen dürften diesbezüglich aber eher klein sein.

Im Moment sind diese Projekte noch Marketingmassnahmen. Es geht in erster Linie um die Idee, die Regionalität in den Vordergrund zu stellen. Eine Regionalbank kann damit ihren Ruf der nahen Bank untermauern.

Lohnen sich solche Projekte denn als Investment für Privatpersonen

Mit Crowdlending konnte in den letzten drei bis vier Jahren eine ordentliche Rendite zwischen fünf und sieben Prozent verdient werden, bei einer Kreditausfallquote von fünf Prozent. Das ergibt eine Risikoadjustierte Rendite wie bei einem guten Aktieninvestment. Im Bereich Crowdinvesting, wo man vor allem auf Start-ups setzt, würde ich einem Laien nicht empfehlen, grosse Beträge zu investieren. Die Renditen können zwar verlockend gross sein. Aber solche neu gegründeten Unternehmen haben in der Regel eher schlechte Überlebenschancen. Zudem dauert es häufig fünf bis zehn Jahre, bis sie überhaupt Geld verdienen.

Was sollte beachtet werden, wenn sich trotzdem beteiligen möchte?

Im Crowdinvesting sollte man bereit sein, das eingesetzte Geld auch abzuschreiben. Ich persönlich setze auf Unternehmen, die ich spannend finde. In Deutschland ist das beispielsweise die Firma Kyl21, die eine neuartige Methode der Glace-Herstellung entwickelt hat. Das ist ein spannendes Produkt, das bereits in der Marktreifephase steckt. Und ich glaube daran, dass dieses Produkt eine Chance hat. Aber ich betrachte das eingesetzte Kapital als Spielgeld.

Also keine Alternative zu Aktieninvestments?

Wenn ich einen Titel aus dem SMI kaufe, dann erwarte ich zumindest eine ordentliche Dividende. Und ein Totalverlust ist eher unwahrscheinlich. Aber beim Einsatz von Risikokapital besteht halt die Gefahr, dass man nie einen Franken zurückbekommt.

Sollte der Schweizer Crowdfunding-Markt mit zunehmender Grösse reguliert werden?

Eine Regulierung in diesem Bereich wird und muss kommen. Momentan ist der Markt zwar noch relativ unbedeutend, aber gerade im Bereich Crowdinvesting ist es wichtig, dass man die teilnehmenden Anleger informiert und überprüft, beispielsweise mit einem Fragebogen. Dabei begibt man sich allerdings auf einen schmalen Grat. Denn einerseits ist die Idee des Crowdinvesting volkswirtschaftlich sehr sinnvoll und unterstützenswert. Andererseits muss man auch den Anlegerschutz berücksichtigen. Es gilt einen guten Mittelweg zu finden, auf dem man den Markt nicht abwürgt und trotzdem den Anleger gut schützt. Beim Crowdlending gibt es bereits Regelungen zur Geldwäscherei, aber weitere Vorschriften sind durchaus denkbar.

Prof. Dr. Andreas Dietrich studierte an der Universität St. Gallen Wirtschaftswissenschaften und war anschliessend in der Unternehmensberatung tätig. Nach seiner Promotion an der HSG wurde er Dozent an der Hochschule Luzern mit Fokus auf die Fächer Corporate Finance, Banking und Alternative Investments. Zudem leitet er am Institut für Finanzdienstleistung Zug (IFZ) das Competence Center Financial Service.