Das Brexit-Vokabular für Fortgeschrittene

«Brexit» ist bereits ein Kunstwort. Die EU-Abstimmung der Briten regt die Phantasie von Wortschöpfern aber weiter an: Sie kreieren daraus die «Bregretters» oder die «Brexcuses». Hier lesen Sie, was das alles heisst.
04.08.2016 05:55
Von Marc Forster
Der wohl bekannteste «Brexiteer» ist Boris Johnson, mittlerweile Aussenminister von Grossbritannien.
Der wohl bekannteste «Brexiteer» ist Boris Johnson, mittlerweile Aussenminister von Grossbritannien.
Bild: youtube

Dachten Sie vielleicht, mit der Abstimmung der Briten zum EU-Austritt am 23. Juni sei die Brexit-Diskussion zu Ende? Mitnichten. Das Thema beherrscht die Schlagzeilen weiter. Und weil noch niemand so richtig weiss, wie das künftige Verhältnis des Vereinigten Königreichs zur EU in Zukunft aussehen wird, wimmelt es an Analysen und Prognosen. Die Mutmassungen über den weiteren Lauf der Geschichte schiessen ins Kraut.

In einer Hochstimmung sind auch alle jene, die gerne neue Wörter erfinden. Die englische Sprache lädt zu besonderer Kreativität ein: "Brexit" selbst schon ist gebildet aus "Britain" und "Exit", und daraus leiten sich mittlerweile eine ganze Reihe weiterer Kunstwörter ab.

Sämtliche von Ihnen lassen sich natürlich mit einem #hashtag versehen. cash will Sie nicht dabei im Abseits stehen lassen. Damit Sie im Alltag und in den sozialen Medien sicher über das aktuelle Thema Nummer eins (nach den amerikanischen Präsidentenwahlen) mitdiskutieren können, sollten Sie das essentielle Brexit-Vokabular griffbereit haben.

Brexiteers: Von den Befürwortern des Austritts wird auch nach der Abstimmung viel gesprochen. Das Wort könnte von den "Musketeers" abgeleitet sein und wird sowohl im positiven als auch im abwertenden Sinn verwendet. Ritterlich oder nicht: Mit Boris Johnson als Aussenminister, David Davies als EU-Austrittsminister und Liam Fox im Handelsressort kamen drei prominente Brexiteers in die Regierung. Vielleicht auch deswegen, damit die neue Premierministerin Theresa May sie besser unter Beobachtung hat: Wie eine erfahrene Lehrerin platziert sie die auffälligsten Schüler dort im Klassenzimmer, wo sie sie am besten sehen kann.

Bregretters: 52 Prozent der Bewohner des Vereinigten Königreichs stimmten im Juni für den Brexit. Glaubt man einer Umfrage, bereuen ("to regret") das inzwischen einige: Vier Millionen gaben an, sie hätten sich eigentlich falsch entschieden. Dies ist wichtiges Argument für all jene, die eine zweite Abstimmung wünschen und den EU-Verbleib des Landes ("remain") doch noch sicherstellen wollen. Die Chance darauf ist aber gering, denn Theresa May reiste zu Verhandlungszwecken bereits in mehrere europäische Hauptstädte und sagte schon ein paarmal: "Brexit heisst Brexit."

Remoaners: Jene, welche die Abstimmung mit der Hoffnung auf einen andern Ausgang wiederholen wollen, ziehen den Zorn der Brexiteers auf sich. Sie werden als "Jammerer" bezeichnet ("to moan" = jammern, stöhnen, sich beschweren), weil sie am Resultat herumnörgeln. Manche wie der rechte Politiker Nigel Farage bezeichnen sie auch als Remainians, mit fieser Absicht: Es klingt fast wie "Romanians", also Rumänen, und erinnert daran, dass die EU-Einwanderung aus Osteuropa eines der heissesten Abstimmungsthemen gewesen ist und einer der Hauptknackpunkte der künftigen Verhandlungen darstellen dürfte.

Brexession: Ein typischer Remoaner wird sagen, dass eine Rezession in Grossbritannien unvermeidlich ist, weil Investoren nach dem Brexit-Votum Milliarden über Milliarden abziehen und das Pfund deutlich gefallen ist. Einige Umfragen in der Wirtschaft deuten tatsächlich auf eine stark eingetrübte Stimmung hin, und die Bank von England sieht viele schlimme Befürchtungen bestätigt. Andere wie der konservative EU-Gegner und Parlamentarier Jacob Rees-Mogg, der zugleich eine Asset-Management-Firma besitzt, sagen hingegen: "Es wird schon wieder einmal eine Rezession geben, aber nicht wegen des Brexit."

Zahlen sind noch Mangelware. Zwar liegen die Wachstumszahlen für das zweite Quartal vor (+0,6 Prozent), aber da die EU-Abstimmung kurz vor Quartalsende stattfand, kann noch kein Brexit-Effekt isoliert abgeleitet werden.

Brexcuses: Die Lloyds-Bank hat trotzdem von einem Brexit-Effekt gesprochen, als sie vorige Woche die Streichung von 3000 Stellen verkündete. Excuses, also Vorwände, seien dies, schrien die Brexiteers und kreierten daraus auch gleich ein neues Wort. Die Stellenstreichungen des Finanzhauses waren offenbar schon länger auf dem Programm, denn Lloyds, Opfer der Finanzkrise von 2008, befindet sich wie viele Grossbanken in einer schwierigen Lage und muss Kosten abbauen.

Indyref2: Weil in Schottland über zwei Drittel für den EU-Verbleib waren, fordern die Nationalisten ein zweites Unabhängigkeitsreferendum - "Independence Referendum 2". Das erste war im September 2014 und endete mit dem Verbleib der Schotten im Gesamt-Königreich. Auch Nordirland stimmte mehrheitlich, wenn auch knapper, gegen den Brexit. Würden diese beiden nördlichen Teile des Vereinigten Königreichs ausscheren, bliebe ein Rumpfstaat aus England und Wales übrig: Wangland.

May-mentum: Das Brexit-Votum hat David Cameron aus dem Amt des Regierungschefs gehebelt. Zwei Wochen lang ergingen sich die Tories, also die konservative Partei mit Parlamentsmehrheit, in einem mörderischen Machtkampf. Theresa May hatte aber relativ schnell das "momentum", also den entscheidenden Schwung, um ins höchste Regierungsamt zu gelangen.

Mayday: Der Nachname der neuen Premierministerin bietet sowieso eine dankbare Grundlage für Wortschöpfungen. Als Theresa May am 13. Juli durch die berühmte schwarzlackierte Tür von Downing Street Nr. 10 schritt, um die Macht zu übernehmen, war Mayday das Wort der Stunde. Eigentlich ist dies ein Notsignal aus der See- und Luftfahrt und wird alle jene mit wohligem Schauer erfüllen, die der neuen, unzimperlich und entschlossen auftretenden Regierungschefin nicht trauen, oder die schlicht Angst vor ihr haben.