Das grosse Gerangel um Londoner Fintech-Buden

Berlin buhlt nach dem Brexit-Votum um Londoner Startups aus der Finanztechnologie-Branche. Doch auch andere Städte rechnen sich Chancen aus.
16.07.2016 06:25
Fintech-Standortförderung der Berliner FDP in London.
Fintech-Standortförderung der Berliner FDP in London.
Bild: FDP Berlin

"Liebe Startups, bleibt gelassen und zieht nach Berlin." Der Truck mit diesem grell-bunten Plakat fährt kurz nach dem Brexit-Votum durch die Londoner City. Die von der FDP initiierte Kampagne trifft einen Nerv. Denn zahlreiche Startups denken nach dem Anti-EU-Referendum darüber nach, der britischen Hauptstadt den Rücken zu kehren.

Bei der Wirtschaftsförderung Berlin Partner sind seit dem 23. Juni bereits acht konkrete Anfragen von Finanztechnologie-Firmen - sogenannten Fintechs - eingegangen, die über einen Umzug nachdenken. "Am Ende werden sicherlich mindestens zwei, drei nach Berlin kommen", sagt Geschäftsführer Stefan Franzke: "Berlin wird vom Brexit profitieren, nicht allein, aber stärker als jede andere deutsche Stadt."

Um möglichst viele Startups anzuziehen, schlägt Fintech-Experte Peter Barkow Berlin vor, eine Art "One-Stop-Relocation-Service" anzubieten und den jungen Firmen alle Aufgaben rund um die Umsiedlung abzunehmen. Schliesslich ist London bisher das unangefochtene Zentrum der europäischen Fintech-Welt.

Unsicherheiten nicht abwarten

London gilt als unbürokratische und internationale Metropole mit einer Vielzahl an Talenten. Hier sitzen die bekanntesten Anbieter der Szene wie Funding Circle, TransferWise oder Curve. Sie profitieren auch von der Nähe zu etablierten Grossbanken wie HSBC, Lloyds und einer grossen Niederlassung der Deutschen Bank sowie vom direkten Draht zu Wagniskapitalgebern.

Allerdings sind die meisten Fintechs auch auf den europäischen Binnenmarkt angewiesen. Der sogenannte EU-Pass ermöglicht in London beheimateten Banken und Fintechs den Zugang zu allen EU-Ländern. Ob er durch den geplanten EU-Austritt der Briten verloren geht, hängt von den anstehenden politischen Verhandlungen ab.

Viele Firmen wollen deren Ausgang aber nicht abwarten. "Allein die Unsicherheit, dass keiner weiss, was wirklich passiert, ist ein grosser Standortnachteil für London", sagt Valentin Stalf, Chef des bekanntesten Berliner Fintechs Number26.

Berlin ist billig und vielfältig

Ein Selbstläufer wird die Ansiedlung von Fintechs für Berlin aber nicht. Auch Paris, Luxemburg und Amsterdam buhlen um die zukunftsträchtige Branche. Und gerade die Fintechs, die in ihrem Geschäft auf eine enge Zusammenarbeit mit der Finanzbranche angewiesen sind, suchen in Berlin vergeblich nach grossen Banken und Versicherungen. Hinzu kommen Standortnachteile, die alle deutschen Städte betreffen.

Stalf von der Online-Bank Number26 wünscht sich beispielsweise mehr Wagniskapital und Investitionen sowie flexiblere Regeln bei Kündigungsfristen, Mindestlohn und Lohnnebenkosten - alles Dinge, die sich gar nicht oder nur auf lange Sicht ändern lassen dürften.

Magnus Graf Lambsdorff, Partner beim international tätigen Company Builder Hitfox mit 600 Mitarbeitern, fordert mehr Bemühungen, bürokratische Hemmnisse für Firmengründer abzubauen und möglichst im ersten Umzugsjahr "auf null zu stellen". Für Berlin sprächen die "bereits vielfältige Präsenz von Startups sowie die Club-, Kunst- und Galerieszene, die vergleichsweise günstigen Mieten und die Offenheit für alle verschiedenen Lebensweisen".

Laut Marianne Kulicke, Startup-Expertin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI, macht Berlin vor allem das Preisniveau attraktiv. In keiner Metropole könne man so günstig Wohnen und Gründen wie in der deutschen Hauptstadt.

Wie viel Geld ist aufzutreiben?

Oft steht und fällt der Erfolg von jungen Firmen mit dem Kapital, das ihnen für Wachstum zur Verfügung steht. In diesem Bereich hat Berlin zuletzt stark aufgeholt und laut einer Studie der Wirtschaftsberatung Ernst & Young sogar London ausgestochen. 2015 flossen Investitionen von 2,1 Milliarden Euro an die Spree, 1,7 Milliarden Euro an die Themse. "Einen Kapitalmangel kann ich hierzulande im Moment absolut nicht feststellen", betont Fintech-Experte Barkow.

"Die ersten Fintechs, die den europäischen Markt im Visier haben, ziehen in London den Stecker", berichtet Matthias Kröner, der Chef der Internet-Bank Fidor. Die Kredit-Plattform Funding Circle gehört allerdings nicht dazu. "Unser Tagesgeschäft wird durch die Brexit-Entscheidung nicht unmittelbar beeinflusst", betont das Unternehmen.

Das britische Geldtransfer-Anbieter Azimo erwägt dagegen, Umzugswagen zu bestellen. Als erste Alternativen zu London nennt Azimo-Chef Michael Kent jedoch nicht Berlin, sondern Luxemburg und Amsterdam.

(Reuters)

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