Das sind die Schweizer Anti-Abzocker

Vor der Minder-Initiative sind die Köpfe überall: Die Manager mit überissenen Löhnen und Boni. Doch es geht auch anders. cash nennt die unterbezahlten Manager und Branchen, wo viel geschuftet, aber wenig verdient wird.
01.02.2013 01:00
Von Frédéric Papp

Als Paradeabzocker gilt der scheidende Novartis-Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella. 2007 zahlte er sich selber einen Lohn von 44 Millionen aus. Das war möglich, weil er von 1999 bis 2010 gleichzeitig die wichtigsten Ämter bei Novartis bekleidete. Auffallend: Auch beim Schoggi-Konzern Lindt & Sprüngli sind die Spitzenjobs seit fast 20 Jahren durch ein und dieselbe Person besetzt. Ernst Tanner. Er verdiente 2011 über 10 Millionen Franken. 

Jörg Scholten, Spezialist für Compensation & Benefits bei Kienbaum, bestätigt: Bei Managern, die sowohl das Amt des CEO bekleiden als auch im Verwaltungsrat vertreten sind, "finden wir teilweise deutlich überdurchschnittliche Löhne für das operative Management vor."

Doch es gibt auch die Anti-Abzocker. Dabei handelt es sich nicht um superreiche Manager wie der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs oder dem amtierenden New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, die für ihren Job freiwillig ein symbolisches Jahresgehalt von einem Dollar beziehen. Gemeint sind vielmehr CEO von Schweizer Unternehmen, die gemessen an der Anzahl Mitarbeiter, der Gewinn- und Umsatzentwicklung, der zeitlichen Beanspruchung und der unternehmerischen und volkswirtschaftlichen Verantwortung unterbezahlt sind.

Branchen mit moderaten Salären 

Nicht zur Spitzengruppe gehören die Chef-Saläre in der Detailhandelsbranche: "In kleinmargigen Branchen wie dem Detailhandel sind die Löhne der Topkader tendenziell zu tief", sagt Roy Hitchman, Gründer und Inhaber der gleichnamigen Executive-Search-Firma, zu cash. Die Löhne fielen im Schnitt sogar geringer aus als in Deutschland, sagte ein Headhunter, der nicht namentlich genannt werden will.

Migros-Chef Herbert Bolliger zum Beispiel verdiente im 2011 860'000 Franken. Auch für 2012 und die Folgejahre sind keine Lohnexzesse im Migros-Topmanagement zu erwarten. Denn bei der Migros wacht Jules Kyburz, Vorsitzender der Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stifung, über die Managerlöhne und vergleicht diese mit den jeweiligen Lohnbändern. Der genossenschaftlich organisierte Detailhändler zählt mit 86'000 Mitarbeitern zu den grössten Arbeitgebern der Schweiz und hatte 2011 einen Reingewinn von rund 660 Millionen Franken erzielt.

Ähnlich hoch dürfte der Lohn des Coop-Chefs sein. Im 2011 erhielt Coop-Chef Joos Sutter zusammen mit sechs weiteren Geschäftsleitungsmitgliedern 4,3 Millionen Franken. Macht pro Kopf rund 610'000 Franken, wobei Sutter wohl den grössen Stück des Kuchens erhielt. Der Coop-Chef ist mit seinem Lohn offenbar zufrieden. "Ich muss mich für meinen Lohn sicher nicht schämen", sagte er in einem Interview mit dem Sonntag. Im Gegensatz zur Migros behält Coop das exakte Einzelsalär ihres Chefs aber weiterhin unter dem Deckel.

Darben müssen auch die Chefs in der in Tourismus- und Verkehrsbetrieben: "In der Hotellerie seien die Löhne der Chefs im Verhältnis zur Präsenzzeit zu tief", sagt Ernst Wyrsch, Präsident von hotelleriesuisse Graubünden. Vor allem in der Ferienhotellerie seinen 14-stündige Arbeitstage während 6 Tagen die Woche die Norm. Im Schnitt würden Direktoren von Mittelklasse- bis Erstklasshotels pro Jahr ein Gesamtsalär zwischen 120'000 bis 160'000 Franken kassieren, so Wyrsch, der selber jahrelang das Fünfsternehaus Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos geführt hat. Allerdings gäbe es auch Ausnahmen: Er selber habe deutlich mehr verdient, gibt Wyrsch zu. 

Laut Hitchman seien auch die Saläre der Airline-Chefs im Verhältnis zu anderen Branchen und zur zeitlichen Beanspruchung zu gering. So verdiente Lufthansa-Chef Christoph Franz im 2011 rund 2,7 Millionen Franken. Der Swiss-Chef Harry Hohmeister - dessen Salär nicht bekannt ist - dürfte wohl unter einer Million verdienen. In Relation zur Unternehmensgrösse - die Lufthansa-Gruppe zählt rund 120'000 Mitarbeiter und erzielte 2011 einen Umsatz von 28,7 Milliarden Euro - und zur Verantwortung gerade im Bereich Sicherheit kein überrissener Lohn. 

Auch in staatsnahen Betrieben bewegen sich die Löhne eher am unteren Limit: SBB-Chef Andreas Meyer bezog 2011 gut eine Million Franken Lohn. Angesichts der grossen Verantwortung kein Toplohn. Auch die Lohnsteigerung hält sich in Grenzen: Vor rund sieben Jahren lag der Lohn von Meyer bei rund 700'000 Franken. Wie hoch sein Lohn im vergangenen Jahr war, ist noch nicht bekannt. Daher ist auch unklar, wie viel er 2013 verdienen wird. Fest steht: Dieses Jahr gibts für den "obersten Bähnler" keine Lohnerhöhung, wie die SBB kürzlich mitteilte. Ebenso am unteren Lohnlimit liegt das Salär von Hans Amacker, Chef der Rhätischen Bahn. Er verdiente 2011 rund 258'000 Franken. Allerdings: In Relation zur Mitarbeiteranzahl ist Amacker besser besoldet als Meyer. Die Rhb zählt rund 1300 Mitarbeiter. Bei der SBB sind es knapp 28'000. 

Unter Branchenkennern gilt der Lohn von Axpo-Chef Heinz Karrer als eher unterdurchschnittlich. Sein Lohn betrug 882'000 Franken (2011). Der Chef der schweizerischen Flugsicherung Skyguide, Daniel Weder, verdiente im 2011 rund 560'000 Franken, im 2010 waren es gut 480'000 Franken gewesen.

Stark ins Wanken gerät das Lohngefüge bei den Kantonalbank-Chefs. So hat Mitte 2012 das Aargauer Kantonsparlament beschlossen, dass ein Geschäftsleitungsmitglied der Aargauischen Kantonalbank (AKB) maximal doppelt so viel verdienen darf, wie ein Regierungsrat. Der AKB-CEO Rudolf Dellenbach bezog zwischen 2006 und 2011 jeweils 839'000 bis 962'000 Franken. Der Lohn eines Aargauer Regierungsrates beträgt 300'000 Franken. Dellenbachs Lohn dürfte demnach bald auf 600'000 Franken gestutzt werden.

Noch krasser fällt die Lohn-Diät bei David Becher, CEO der Glarner Kantonalbank, aus. So hat das Glarner Parlament kürzlich entschieden, dass bei der Glarner Kantonalbank der höchste Lohn maximal zehn Mal höher sein darf als der tiefste. Im 2013 darf Becher somit im Maximum 320'000 Franken einstreichen. Zum Vergleich: 2011 verdiente er noch 647000 Franken. Und auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) sollen die Chef-Saläre zurechtgestutzt werden. Die SP und EVP wollen, dass CEO Martin Scholl höchsten zwölfmal so viel verdient, wie der am schlechtesten Bezahlte. Der tiefste Lohn beträgt laut ZKB 48'000 Franken. Scholl erhielte dann noch 576'000 Franken. Im 2011 kassierte Scholl inklusive Boni rund 1,65 Millionen Franken.  

Zu den Topverdienern gehört der Direktor der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Thomas Jordan. Er verdient rund 1 Million Franken. Zum Vergleich: US-Notenbankchef Ben Bernanke kommt auf ein Grundgehalt von bloss 200'000 Dollar. Doch angesichts der volkswirtschaftlichen Verantwortung, die auf den Schultern des SNB-Direktors lastet, müsste er weit mehr verdienen. So steckt Jordan mitten in einem globalen Währungskrieg, in dem es gilt den Franken - namentlich die Kursuntergrenze - zu verteidigen, ohne dabei eine Politik der Geldentwertung zu führen.

Die cash-Leser sind eingeladen Ihre Meinung rund um die Diskussion von über- beziehungsweise unterbezahlten Managern kundzutun.