Das sind die unsozialsten «Abzocker» der Schweiz

Wenn die Schweiz am Sonntag über die Abzocker-Initiative abstimmt, stehen Chefs mit überrissenen Löhnen am Pranger. Sie sind oft auch die unsozialsten Manager, wie eine cash-Analyse zeigt. Es gibt aber auch Ausnahmen.
28.02.2013 11:09
Von Pascal Meisser
Julius-Bär-CEO Boris Collardi engagiert sich für eine Stiftung, die sich vor allem um die Verwaltung von eigenen Aktien- und Optionsplänen kümmert.
Julius-Bär-CEO Boris Collardi engagiert sich für eine Stiftung, die sich vor allem um die Verwaltung von eigenen Aktien- und Optionsplänen kümmert.
Bild: Bloomberg

Die letzten Wochen haben exemplarisch gezeigt: Die Lust der superreichen Manager am Geldverdienen ist praktisch grenzenlos. Der abtretende Novartis-Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella wollte sich während sechs Jahre an ein Konkurrenzverbot binden, das ihm 72 Millionen Franken eingebracht hätte. Und der Roche-CEO Severin Schwan erhält für dieses Jahr eine Million Franken mehr Lohn – nur um zwei Beispiele zu nennen.

Doch Vasella und Schwan haben mit anderen Top-Verdienern wie Paul Bulcke (Nestlé), Ernst Tanner (Lindt & Sprüngli), Joe Hogan (ABB)  und Michael Mack (Syngenta) mehr gemeinsam als nur einen millionenschweren Lohn. Sie gehören zugleich auch zu den unsozialsten Chefs aller börsenkotierten Firmen der Schweiz, wenn man das Engagement in Stiftungen als Massstab herbeizieht. Das zeigt eine Auswertung der von Orell Füssli Wirtschaftsinformationen betriebenen Online-Datenbank infocube.ch, die cash exklusiv vorliegt.

So sucht man die Namen von Vasella bis Mack auf der Liste vergebens. Zu dieser Gilde gehört eigentlich auch Julius-Bär-CEO Boris Collardi, ein Topverdiener unter den Bankern. Zwar ist er Vizepräsident einer Stiftung. Allerdings besteht deren Zweck in der Verwaltung der Aktien und Optionen aus eigenen Vergütungsplänen.

Von den Topverdienern der Schweizer Teppichetage gehören nur wenige Vertreter zum Club der sozial engagierten Chefs. Zu ihnen gehören beispielsweise Credit-Suisse-Boss Brady Dougan, der für die Credit Suisse Foundation tätig ist, oder EFG-Chef John Williamson, der Einsitz in der EFG Foundation nimmt.

Swiss-Life-CEO mit sieben Mandaten

Gemäss der vorliegenden Daten geht der Titel des sozialsten CEO an Swiss-Life-Chef Bruno Pfister, der derzeit in sieben Stiftungen Einsitz nimmt. Allerdings mit klaren Abstrichen: Bei sechs Stiftungen handelt es sich um firmeninterne Organisationen wie Vorsorge- und Wohlfahrtsstiftungen, und beim Think Tank Avenir Suisse ist Pfister im Stiftungsrat - in bester Gesellschaft mit der Elite der Schweizer Wirtschaft.

Auf Platz zwei folgt Martin Senn mit fünf Stiftungsratsmandaten. Der Chef der Zurich Insurance ist unter anderem für das Lucerne Festival und die Z Zurich Foundation, die einen nachhaltigen Beitrag an das Wohl der Gesellschaft leisten möchte, tätig. Ebenso viele Mandate weist auch der CEO der VZ Holding, Rolf Biland auf. Allerdings beschränkt sich auch sein Engagement primär auf eigene Vorsorgestiftungen.

UBS-Chef mit eigener Stiftung

Andere Grossverdiener zeigen, dass sie für ausserberufliche Engagements genügend Zeit haben: Sergio Ermotti gründete kurz vor seiner Ernennung zum UBS-CEO gar eine eigene Stiftung. Die Fondazione Ermotti ist gemeinnützig und unterstützt Projekte und Vereine aus dem Kanton Tessin. Alfred Schindler, Firmenpatron des gleichnamigen Liftherstellers, ist zugleich Präsident der Gemeinnützigen Stiftung Gambit, die karitative, soziale und kulturelle Zwecke verfolgt.

Bedeutend sozialer als die Topmanager zeigen sich die Schweizer Verwaltungsräte. André Hoffmann, der VR-Vizepräsident von Syngenta, findet nebst seiner beruflichen Tätigkeit die Musse, in 16 verschiedenen Stiftungen mitzutun, unter anderem beim Lucerne Festival, beim WWF sowie bei weiteren künstlerischen und sozialen Institutionen.  Auf immerhin zwölf Mandate schaffen es Holcim-Verwaltungsrat und -Hauptaktionär Thomas Schmidheiny und Thomas Staehelin, Verwaltungsrat des Logistikkonzerns Kuehne+Nagel.

«In den USA völlig normal»

Solche Engagements abseits der beruflichen Tätigkeit sind nach Ansicht von Headhunter Björn Johansson sehr wichtig. "Es ist wichtig, dass gerade Manager der Gesellschaft wieder etwas von dem zurückgeben, was sie in der Vergangenheit bekommen haben und jetzt erhalten", sagt Johansson. Er schätze es deshalb bei Kandidaten für Jobs im oberen Management sehr, wenn diese solche ausserberuflichen Betätigungen vorweisen könnten.

In den USA seien diese sozialen und karitativen Einsätze für Top-Shots völlig normal, sagt Johansson, der erst gerade am Mittwoch von einer Nordamerikareise zurückgekommen war. Dort hat sich auch eine Spendenkultur entwickelt, die hier seinesgleichen sucht. Unter der Leitung der Investorenlegende Warren Buffet und Microsoft-Gründer Bill Gates hat sich der Club "The Giving Pledge" ("Das Spendenversprechen") gebildet, dessen Mitglieder die Hälfte ihres Vermögens für soziale Zwecke spenden möchten.

Vor knapp einer Woche traten erstmals Manager dem Club bei, die nicht aus den USA stammen. Die neuen Mitglieder kommen aus acht verschiedenen Ländern. Neben Deutschland befinden sich darunter auch Russland, Indien und Südafrika – nicht aber die Schweiz.