WEF 2015

«Der Druck war wohl zu gross»

Die britische Wirtschaft gehört zu den wachstumsstärksten der westlichen Welt. Warum dies so ist, und wie man in Grossbritannien die neue SNB-Geldpolitik betrachtet, sagt PwC-Chairman Ian Powell im cash-Interview.
21.01.2015 14:37
Interview: Marc Forster, Davos
Ian Powell, Chairman von PwC in Grossbritannien.
Ian Powell, Chairman von PwC in Grossbritannien.
Bild: ZVG

cash: Ian Powell, in der Schweiz stehen wir immer noch im Zeichen der SNB-Entscheidung von vergangener Woche, den Euro-Mindestkurs aufzuheben. Wie reagierte man in Grossbritannien auf diesen Entscheid?

Ian Powell: Ich glaube, nicht nur in der Schweiz steht man im Zeichen dieser Entscheidung, auch den Rest Europas beschäftigt dies. Denn wie unsere Umfrage unter Konzernchefs gezeigt hat, sind auch die Sorgen in der Euro-Zone gross. Der Schritt der Schweizerischen Nationalbank hat die Sorgen nur noch einmal deutlich gemacht. Man fragt sich natürlich gleichzeitig, was das Ende des Euro-Franken-Mindestkurses zu bedeuten hat. Für die Schweizer Wirtschaft und den Export ist die Lage schwierig, nicht nur für die börsenkotierten Unternehmen.

Hat die SNB Ihrer Ansicht nach richtig gehandelt?

Das ist für mich schwierig zu beurteilen, klar ist aber, dass der Druck wohl einfach zu gross geworden ist. Und die SNB wird sich gefragt haben, wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln sei - offensichtlich jetzt und nicht später. Nun müssen wir natürlich abwarten, was die Europäische Zentralbank in Sachen Anleihekäufe unternimmt oder ob sie die Unsicherheit im Währungsraum reduzieren kann. Für Grossbritannien ist die Eurozone einer der wichtigsten Märkte, und Unsicherheit ist nie gut.

Die britische Wirtschaft ist aber neben der US-Wirtschaft eine der wachstumsstärksten der Welt, zumindest gerade jetzt…

… die Stimmung in der britischen Wirtschaft gut. Derzeit sind - auch das zeigt unsere Studie  - unsere Wirtschaftsführer zuversichtlicher als jene in der Eurozone. Interessant ist aber: 80 Prozent sehen die USA, China und Deutschland - in dieser Reihenfolge - als die wichtigsten Wachstumsmärkte. Das ist eine ziemliche Verschiebung im Vergleich zum Vorjahr, als China noch die Nummer Eins war.

Wo sehen die britischen Konzernchefs Risiken?

Derzeit haben wir eine sehr tiefe Arbeitslosenrate. Die Beschäftigung ist relativ gesehen so hoch wie zuletzt in den 70er Jahren. Vor allem der Dienstleistungssektor des Vereinigten Königreichs ist sehr attraktiv im Ausland. Die grösste Sorge in den Unternehmen ist heute die Verfügbarkeit von Fachkräften. Die diesbezüglichen Ängste sind stark angewachsen seit letztem Jahr. Zum einen fürchtet die Wirtschaft, dass die Einwanderung eingeschränkt werden könnte, zum anderen rüstet das britische Ausbildungssystem Arbeitskräfte nicht mit den richten Qualifikationen aus. Das ist ein Langfrist-Problem, aber die Nachfrage muss sofort gedeckt werden. Und in einer rasch wachsenden Wirtschaft ist die Konkurrenz um Fachkräfte intensiv.  

Wie wahrscheinlich ist Ihrer Meinung nach, dass Grossbritannien eines Tages die Europäische Union (EU) verlassen könnte?

In Grossbritannien dominiert das Gefühl, dass es in der EU Reformen braucht und dass Grossbritannien die EU-Mitgliedschaft neu gestaltet. Im Rest Europas ist die Bereitschaft, die EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs neu auszuhandeln, hingegen eher gering. Ich denke, dass mit einer sinnvollen Neuverhandlung für Grossbritannien das Thema Austritt mehr oder weniger erledigt wäre. Ansonsten gibt es aber durchaus Potenzial für einen Austritt. Der grösste Teil der britischen Wirtschaftswelt will indessen in der EU bleiben, weil sie der grösste Wirtschaftsraum der Welt ist.

Im Mai wählt Grossbritannien ein neues Parlament. Wagen Sie ein Prognose, wie es ausgeht?

Es wird höchstwahrscheinlich ein sehr knappes Resultat geben. Diese Wahl ist ungewöhnlich im Vergleich zu früher, weil es jetzt mehr Parteien gibt. Somit erreicht möglicherweise niemand eine absolute Mehrheit und es gibt wieder eine Koalition. Grossbritannien hat zwar seit 2010 eine konservativ-liberaldemokratische Koalition, ist dieses System aber historisch nicht gewohnt. Obwohl: Die aktuelle Koalition war in wirtschaftlichen Fragen ziemlich erfolgreich.

Ian Powell führt als Chairman und Senior Partner seit 2008 die Ländergesellschaft Grossbritannien PwC und damit die grösste Einheit des globalen Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmens. Er ist schon seit mehreren Jahren Teilnehmer am WEF, wo PwC traditionell am Vorabend der Eröffnung die Studie "Global CEO Survey" präsentiert, welche Einschätzungen von über 1300 Konzernlenkern beinhaltet.