Der Streit ums Bargeld gewinnt an Schärfe

Die Diskussion um die Zukunft des Bargeldes gewinnt an Fahrt. Ein Blick nach Deutschland zeigt, wie viel Zündstoff die Debatte birgt.
15.02.2016 03:05
Nirgends ist so viel Bargeld pro Kopf im Umlauf wie in der Schweiz.
Nirgends ist so viel Bargeld pro Kopf im Umlauf wie in der Schweiz.
Bild: Bloomberg

Die Schweizer und auch die Deutschen sind Bargeld-Fans. Immer noch bevorzugen sie es, ihre alltäglichen Käufe mit ein paar Scheinen oder Münzen zu bezahlen, trotz Giro- und Kreditkarten im Portemonnaie. Doch das Europäische Verbraucherzentrum Deutschland warnt: "Bargeld birgt (..) auch Risiken: Geht es verloren, kann es kaum zurückerlangt werden." Für viele Banker und Ökonomen, etwa den Deutsche-Bank-Chef Cryan, sind Barzahlungen ohnehin ein Ärgernis, ein Anachronismus: sie seien teuer und aufwendig. Die Debatte um die Zukunft des Bargeldes gewinnt an Fahrt. Nachfolgend ein Pro und Kontra.

Pro

"Bargeld ist Freiheit", lautet das zentrale Argument der Verfechter des Bargelds. In Deutschland sind Banknoten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel, mit dem Forderungen beglichen werden können. Das heisst niemand darf es ablehnen, wenn man damit etwa seine Einkäufe bezahlen möchte.

Bargeld erlaubt zudem mehr denn jedes andere Zahlungsmittel die Kontrolle der eigenen Zahlungsfähigkeit. Der Blick in den Geldbeutel enthüllt, wenn Ebbe ist. Deutsche zahlen am liebsten in bar. Nach einer Bundesbank-Studie wurden 2014 noch 79 Prozent aller Käufe bar bezahlt. 2008 waren es zwar mit 83 Prozent etwas mehr - gemessen an der rasanten Entwicklung neuer Internet-Bezahlformen ist das aber ein sehr langsamer Rückgang. Laut der Studie trägt jeder im Schnitt immer noch 103 Euro in seinem Portemonnaie mit sich - genauso viel waren es 2011.

Für die Bargeld-Befürworter liegt ein weiteres Argument in der Anonymität. Das Zahlen mit Scheinen und Münzen stellt sicher, dass die Privatsphäre gewahrt bleibt. "Ohne Bargeld ist die finanzielle Privatsphäre der Bürger perdu. Es ist dann nicht mehr weit bis der Staat weiss, was der Bürger kauft, und was er nicht kauft", sagt etwa Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit.

Von dieser Anonymität profitieren zwar ebenso Kriminelle. Doch für Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele kann dies nicht als Grund dafür herhalten, den Einzelnen durch Abschaffung des Bargelds immer gläserner werden zu lassen. Das Recht auf Achtung des Privatlebens "ist ein hohes Gut, welches nicht aufgeweicht oder preisgegeben werden sollte", so Thiele.

Daneben ermöglich das Bargeld eine gewisse Unabhängigkeit von den Banken, denn der Bürger kann ihnen sein Geld jederzeit entziehen. Damit kann er sich auch vor Negativzinsen schützen, die sein Geld auf einem Konto dahinschmelzen lassen würden.

Verfechter des Bargelds verweisen schliesslich darauf, dass für den Kauf mit Scheinen und Münzen keine grossangelegte technische Infrastruktur benötigt wird, um reibungslos zu funktionieren. Im Falle von Krisen, Naturkatastrophen und anderen Notzeiten ist Bargeld daher häufig das einzige noch akzeptierte Zahlungsmittel.

Kontra

Der von den Verfechtern geltend gemachte Gross-Vorteil des Bargelds, seine Anonymität und weitgehende Unkontrollierbarkeit, ist allerdings auch seine Schwäche: Bargeld eignet sich bestens für Transaktionen, wenn man etwas zu verbergen hat. Ob die Bezahlung eines Schwarzarbeiter, vorbei am Fiskus, ob Erträge aus Schutzgelderpressungen, Menschenhandel - Bargeld hinterlässt kaum Spuren, ist damit nur schwer zu kontrollieren.

Wer grössere Mengen an Bargeld mit sich herumträgt, begibt sich allerdings in die Gefahr, dass er bestohlen wird. Wenn es weg ist, ist es in der Regel weg: da hilft keine Konto-Sperrung oder ähnliches. Er ist aber auch unpraktisch: grosse Mengen an Scheinen und Münzen blähen den Geldbeutel auf.

Der Verweis auf die Rolle als gesetzliche Zahlungsmittel schwächelt den Gegnern zufolge inzwischen. So lassen sich etwa Rundfunk- und Fernsehgebühren nicht mehr bar bezahlen. Und auch wer seine Steuern direkt beim Fiskus bar begleichen will, bekommt Probleme.

Faktisch haben sich bei vielen Geschäften mittlerweile Lastschrifteinzug oder die Kredit- oder EC-Karte durchgesetzt. Nach den Ergebnissen der Bundesbank-Studie hat inzwischen fast jeder - 97 Prozent - mindestens eine EC-Karte in der Geld-Börse. "Das Bargeld wird verschwinden", ist sich ING-DiBa-Vorstandschef Roland Boekhout sicher. "Es wird langsam gehen, aber es wird passieren."

Manche Volkswirten wie Peter Bofinger und Kenneth Rogoff argumentieren geldpolitisch. Ihre These: Notenbanken könnten in einer bargeldlosen Welt leichter über Negativzinsen Anreize für eine stärkere Kreditvergabe setzten, was Konjunktur und Inflation befördern würde. Aber solche Strafzinsen wirken nur bis zu einem gewissen Grad. Denn solange es Bargeld gibt, besteht immer noch eine Auswegmöglichkeit: Der Einzelne kann im Zweifelsfall sein Konto abräumen oder Sparbuch auflösen und sein Geld zu Hause horten. In einer Welt ohne Bargeld gibt es diesen Ausweg nicht - Geldpolitik wäre somit viel wirksamer.

(Reuters)