Deutsche Bank: Der Stress fängt erst an

Prüfung bestanden, aber ohne Glanz. Die Deutsche Bank und die Commerzbank würden eine neue Finanzkrise zwar überleben, allerdings mit unterdurchschnittlichen Kapitaluffern.
31.07.2016 14:56
Dunkle Wolken über der Deutschen Bank in Frankfurt: Eine Finanzkrise wäre für das Institut äusserst ungemütlich.
Dunkle Wolken über der Deutschen Bank in Frankfurt: Eine Finanzkrise wäre für das Institut äusserst ungemütlich.
Bild: cash

Prüfung bestanden, aber ohne Glanz. So fassen Analysten die Stresstest-Ergebnisse der Deutschen Bank und der Commerzbank zusammen. Beide Institute würden eine neue Finanzkrise zwar überleben. Doch ihre Kapitalpuffer wären dann alles andere als üppig, sie lägen weit unter dem europäischen Durchschnitt. Als vertrauensbildende Massnahme taugen die Noten deshalb nicht.

Im Gegenteil: Die Zeugnisse verstärken den Druck auf die Vorstandschefs John Cryan und Martin Zielke, noch mehr Risiken und Kosten aus der Bilanz zu nehmen und ihre Häuser so fit für die Zukunft zu machen. Deutschlands grösste Banken müssen sich das Vertrauen der Anleger erst wieder mühsam erkämpfen.

"Deren Druck könnte stärker ausfallen als der der Aufseher", warnt die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. Denn welche Schlüsse die Aufseher aus dem Stresstest zögen, sei völlig unklar. "Das macht den Stresstest zu einem zahnlosen Tiger." Die Aktienkurse sprechen eine deutliche Sprache. Die Deutsche Bank ist an der Börse inzwischen weniger als 17 Milliarden Euro wert, die noch immer teilverstaatlichte Commerzbank sieben Milliarden. Zum Vergleich: die französische BNP Paribas, die ähnlich breit aufgestellt ist, kommt auf 55 Milliarden Euro.

Tiefer Aktienkurs als hohe Hürde

Weitere Kapitalerhöhungen wären für die Deutschen schon wegen der dahin dümpelnden Aktienkurse ein Kraftakt - auch wenn die Deutsche Bank fürchten muss, dass genau diese Debatte nun wieder hochkocht. Bankenexperte David Hendler vom US-Analysehaus Viola Risk Advisors etwa meint, aus dem Stresstest-Ergebnis der Frankfurter zu erkennen, dass die Bank "eine riesige Menge" frisches Kapital braucht. "Das schafft sie nicht aus eigener Kraft."

Den Investoren dürfte aber schlicht die Fantasie fehlen, warum sie abermals frisches Geld in Banken pumpen sollen, die auch acht Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise keine nachhaltigen Gewinne erwirtschaften. Die EU-Bankenbehörde EBA hat für die 51 Stresstest-Teilnehmer 2015 eine durchschnittliche Rendite von 6,5 Prozent auf das Eigenkapital errechnet, die noch unter den Kapitalkosten liegt.

"Die Mehrzahl der Banken in Europa - und darüber hinaus - verfehlen zurzeit diese Marke", sagt Miles Kennedy, Partner bei der Unternehmensberatung PwC. Und so lange das so sei, dürften Stresstests regelmässig Zweifel an der Solvenz der Banken auslösen. Das gelte auch für solche Institute, die gut bestanden hätten.

Alte Rechtsfälle im Blick

Deutsche Bank und Commerzbank sind weit weg von den 6,5 Prozent. Vielmehr werden sie von alten Rechtsstreitigkeiten eingeholt, die dieses Mal auch im Stresstest berücksichtigt wurden. Bei der Deutschen Bank zogen die Aufseher Finanzkreisen zufolge allein aus diesem Grund 2,2 Prozentpunkte von der harten Kernkapitalquote ab: Sie schrumpfte im simulierten Krisenfall auf 7,8 Prozent. Ohne eine Krise läge die Quote 2018 bei 12,1 Prozent.

Die Bank bastelt noch an potenziell milliardenschweren Vergleichen mit den Aufsehern wegen umstrittener US-Hypothekengeschäfte und einem Geldwäsche-Skandal in Russland. Bei der Commerzbank, die 2015 wegen der Verletzung von Iran-Sanktionen eine Milliardenstrafe abdrücken musste, spielte das auch eine Rolle: Eine Krise würde ihre harte Kernkapitalquote auf 7,4 Prozent herunterprügeln - wäre 2018 ein normales Jahr, käme sie auf 13,1 Prozent. "Das ist ein brutales Ergebnis", sagt ein Landesbanker.

Kritik an der Methodik

Was alle Banken hinter vorgehaltener Hand bemängeln: Der Stresstest bildet zwar eine drei Jahre andauernde Krise ab, geht aber davon aus, dass die Manager in der Zeit die Hände in den Schoss legen und nicht an ihrer Bilanz rühren. Das heisst: Der laufende Konzernumbau etwa bei der Deutschen Bank wurde nicht berücksichtigt - mit einer Ausnahme: die Aufseher akzeptierten, dass die Bank ihre Beteiligung an der chinesischen Hua Xia Bank aus der Bilanz herausrechnen durfte, obwohl der milliardenschwere Verkauf noch nicht abgeschlossen ist. Ohne diesen Effekt hätte sie auch nicht besser abgeschnitten als die Commerzbank.

Branchenexperten sehen aber gerade die deutschen Banken im Stresstest ungerecht behandelt. Zum einen fusst das Krisen-Szenario darauf, dass es an allen Ecken gleichzeitig anfängt zu brennen - das widerspricht der Realität. Gewöhnlich sind Universalbanken in einer Krise stabiler als reine Investmentbanken oder andere Spezialinstitute.

Zum anderen berücksichtigt der Test nicht die unterschiedlichen Gepflogenheiten in Europa: So schnellen im simulierten Krisenfall die Einlagezinsen rasch nach oben - deutsche Kunden sind anderes gewöhnt. Die strengeren Methoden, die die Tester beim Zinsergebnis angewandt hätten, erklärten neben der Berücksichtigung von Rechtsstreitigkeiten die Abweichungen zu 2014, erklärt KPMG-Regulierungsexperte Daniel Quinten. Andererseits legt der Stresstest aber den Finger in die Wunde, dass Commerzbank und Deutsche Bank immer noch zu abhängig sind vom Zinsüberschuss.

Die Landesbanken, von denen viele in der Finanzkrise arg gebeutelt wurden, haben im Stresstest überwiegend positiv überrascht. Sie hoffen nun, ihr in Europa weit verbreitetes Schmuddel-Image loszuwerden. "Vor fünf Jahren hätte niemand gedacht, dass die Commerzbank und die Deutsche Bank die grössten Sorgenkinder in Deutschland sind", frohlockt ein Landesbanker.

(Reuters)