Deutschland setzt Pharmaindustrie unter Druck

In Deutschland soll die Preisgestaltung von Medikamenten strenger reguliert werden. Dem tritt die Pharmaindustrie vehement entgegen.
20.11.2016 05:15
Der Schweizer Pharmariese Roche lehnt den deutschen Gesetzesvorschlag ab.
Der Schweizer Pharmariese Roche lehnt den deutschen Gesetzesvorschlag ab.
Bild: cash

Im Zuge der Debatte über Preiskontrollen für Arzneimittel warnt die Pharmaindustrie, dass eine geplante Preisschranke für neue Medikamente Innovationen ausbremsen würde. Die deutsche Regierung will die Kosten des Gesundheitssystems unter Kontrolle bringen und schlägt in einem Gesetzentwurf vor, die Preisfreiheit für alle neuen Arzneimittel einzuschränken. Künftig sollen die Hersteller ab einem Umsatz von 250 Millionen Euro für ein neues Medikament einen Preisrabatt im ersten Jahr der Marktzulassung gewähren.

Zudem soll das geltende Preismoratorium um fünf Jahre bis 2022 verlängert werden. Preiserhöhungen sind lediglich bis zur Inflationsrate möglich. Rund 1,9 Milliarden Euro sollen die Krankenversicherer damit einsparen.

Der Pharmakonzern Roche lehnt die geplante Umsatzschwelle für neue Arzneimittel ab. Die freie Preisbildung im ersten Jahr der Marktzulassung ermögliche, dass Medikamente in Deutschland zügig eingeführt würden, erklärte der Konzern in einer Stellungnahme. Produkte des Konzerns seien von der Neuregelung jedoch nicht betroffen.

Innovation versus Kostenkontrolle

"Natürlich ist es ein legitimes Ansinnen, unbegründete Kosten im Gesundheitssystem durch potenzielle Mondpreise der Hersteller zu verhindern", sagt Morris Hosseini, Partner der Beratungsgesellschaft Roland Berger in Berlin. Doch Hosseini warnt, dass die Innovationsbereitschaft der Pharmaindustrie langfristig leide. Im April dieses Jahres hat Bayer etwa das Krebsmedikament Stivarga in Deutschland vom Markt genommen, weil eine Nutzenstudie keinen Mehrwert belegen konnte.

Die geltende Preisregelung für Arzneimittel müsse überarbeitet werden, erklärt Bayer-Pharmachef Dieter Weinand. Die Gesetzesinitiative sei zwischen Innovation auf der einen und Kostenkontrolle auf der anderen Seite "nicht ausbalanciert".

"Wir brauchen eine Preisbremse gerade dann, wenn sich besonders hochpreisige Arzneimittel an eine grosse Zahl von Patienten und Patientinnen richtet", verteidigte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am Donnerstag das Gesetz im Bundestag. Die Kosten müssten kurz und langfristig reduziert werden.

Hintergrund sind stetig steigende Kosten des Gesundheitssystems durch medizinische Innovation und eine alternde Bevölkerung. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stiegen die Gesundheitsausgaben in Deutschland laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherer (GKV) um 3,9 Prozent auf 18 Milliarden Euro. Nur Belgien gibt nach einer Studie der Technischen Universität Berlin für Medikamente pro Person mehr aus als Deutschland.

Strengere Regulierung oder nicht?

Während der Pharmaindustrie die geplante Regelung zu weit geht, dringen die Sozialdemokraten im Bundestag auf eine strengere Regulierung. Sie fordern eine Reduzierung der Umsatzschwelle und eine Einschränkung der geplanten Geheimhaltungsregelung. Nach Einschätzung des SPD-Politikers Edgar Frank läuft die geplante Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro "weitgehend ins Leere", da nur wenige Arzneimittel davon betroffen seien.

Tatsächlich wären 2015 nur drei neue Arzneimittel von der Neuregelung erfasst worden: Lediglich ein Hepatitis-C-Präparat von Solvani, das Hepatitis-C-Mittel Harvoni von Gilead Sciences und Tecfidera gegen Multiple Sklerose von Biogen erreichten im ersten Jahr der Einführung die Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro. 

Strittig ist zudem die geplante Geheimhaltung der Rabattpreise. Um zu verhindern, dass sich ausländische Behörden an den reduzierten Preisen orientieren, will die Bundesregierung der Pharmaindustrie erlauben, die Rabatte nicht öffentlich zu listen. SPD-Politiker Frank dringt auch hier auf eine Änderung und beanstandet, dass mit Beitragsgeldern der Versicherten nicht Industriepolitik betrieben werden solle.

Das Gesetz soll 2017 eingeführt werden, im Februar soll es den Bundestag passieren. In den kommenden Monaten werden Union und SPD mögliche Änderungen beraten.

(Bloomberg)