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«Die Aktie wird mehr steigen als der Markt»

Andreas Burckhardt, Verwaltungsratspräsident der Bâloise, äussert sich im cash-Interview zur Dividendenpolitik des Basler Versicherers, über Wachstumspläne im In- und Ausland und zur Zukunft der Vorsorgesysteme.
08.04.2015 01:05
Interview: Daniel Hügli, Basel
Andreas Burckhardt ist seit 2011 Verwaltungsratspräsident der Bâloise.
Bild: ZVG

cash: Herr Burckhardt, die Bâloise hat im Fussballstadion St. Jakob-Park in Basel eine neue, erweiterte Lounge. Sind Sie oft dort anzutreffen?

Andreas Burckhardt: Das Engagement der Bâloise für den FC Basel schafft Emotionen und Erlebnisse für Kunden. Seit ich Verwaltungsratspräsident der Bâloise bin, habe ich dort privat zwei Plätze gekauft. Es ist eine ideale Gelegenheit, Leute mitzunehmen.

Bâloise ist im Sponsoring an verschiedenen Fronten tätig. Die 'Bâloise Session' mit Musik, das Kunstsponsoring und eben der Fussball. Besteht nicht die Gefahr einer Verzettelung und fehlende Fokussierung auf den Brand?

Ganz im Gegenteil. Als ich früher noch Generalsekretär der Bâlosie war, beantwortete ich Anfragen für 100 Franken Spenden hier und 150 Franken dort. Mit dem haben wir aufgehört. Heute sponsern wir noch immer verschiedene Bereiche, aber diese Segmente werden sehr gezielt unterstützt.

Ihr Vorgänger Rolf Schäuble äusserte sich mit fortschreitender Amtsdauer immer pointierter auch zu politischen Fragen. Sie dagegen sind als Bâloise-Präsident kommunikativ viel zurückhaltender, obwohl Sie als Politiker im Parlament des Kantons Basel-Stadt klare Positionsbezüge auch nie scheuten. Täuscht der Eindruck?

Das Amt eines VR-Präsidenten sollte man so wahrnehmen, dass es der Unternehmung nutzt. Meine Aufgabe ist die Aufsichts- und Kontrollfunktion und selbstverständlich auch die Festlegung der Strategie zusammen mit den anderen Verwaltungsräten. So wie ich als Politiker deutlich meine Meinung geäussert habe, mache ich das auch heute noch, wenn es darum geht, versicherungs- und branchenpolitische Themen wie Mindestzins oder Regulierung zu kommunizieren. Ich denke, ich vertrete meine Meinung vielleicht nicht mehr in der Art und Weise, dass die Leute 'schockiert' sind, aber dass die Meinung dennoch klar ist.

Exponenten anderer Versicherungsgesellschaften sind in branchenpolitischen Fragen überaus deutlicher. Präsident oder CEO von Swiss Life überraschen die Öffentlichkeit schon mal mit Forderungen nach Rentenalter 70 oder nach einer drastischen Reduktion des BVG-Mindestsatzes. Das hört man von Ihnen nicht.

Wissen Sie, ich war lange in der Politik. Es geht darum, dass man Forderungen stellt, die realisiert werden können. Realistisch sind heute Rentenalter 65 für Mann und Frau. Das kriegen wir in der Schweiz auch hin. Dass die Finanzierung der Altersvorsorge längerfristig immer schwieriger wird, ist beim aktuellen Rentenalter unvermeidlich. Um eine Schlagzeile zu erhalten, könnte ich sicher ein höheres Rentenalter verlangen. Das wäre in meinen Augen aber nicht zielführend.

Als konkrete Forderung von Helvetia oder Swiss Life hört man: Senkung der BVG-Mindestverzinsung von 1,75 Prozent auf 1 oder noch tiefer. Ist das auch Ihre Meinung?

Für mich steht fest: Der BVG-Mindestzinssatz muss gesenkt werden.

Um wieviel?

Im Herbst sollte sich der Bundesrat für einen Mindestzinssatz von 1 Prozent oder tiefer aussprechen. Mittelfristig muss dieser wichtige Entscheidungsprozess zur Stabilität unseres Vorsorgesystems entpolitisiert werden und stärker die marktgegebene Realität abbilden. 

1 Prozent BVG-Mindestverzinsung würden auf ein gesamtes Arbeitsleben hochgerechnet zu 15 Prozent weniger Rente führen im Vergleich zu 1,75 Prozent Mindestverzinsung. Der politische Stunk wäre vorprogrammiert.

Sicher ist: Je höher der Zins, desto höher das Risiko. Das gilt auch für das Anlagegeschäft mit den Pensionskassenguthaben. Man kann wählen: Einen tieferen Zins haben und am Schluss noch etwas erhalten. Oder mit einem höheren Zins und einem höheren Risiko alles verlieren.

Seit Jahren hört man das Klagelied der Versicherer und Banken über die 'Regulierungswut'. Stimmen Sie in das Lied ein?

Ja.

Handkehrum kann man sagen, dass es den Schweizer Versicherern im internationalen Vergleich heute gerade deshalb so prächtig geht, weil der Swiss Solvency Test schon vor der Finanzkrise inoffiziell angewandt wurde.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Regulierung die Krise nicht verhindert hat. Wir können sicher stolz sein, dass in der Schweiz kein Versicherer wegen der Versicherungstätigkeit während der Krise in Schwierigkeiten geriet. Banken und Versicherer haben ein sehr unterschiedliches Geschäft und unterschiedliche Ansichten über Risiken. Wir denken langfristig, die Banken tendenziell eher kurzfristig. Da gibt es sehr grosse Unterschiede. Meiner Meinung nach ist es nun ein Fehler, die Regulierung aus einer Hand für Banken und Versicherer zusammen zu führen. Das müssen wir als Branche zum Teil selber akzeptieren, weil wir über das Modell Allfinanz gesprochen haben. Dieses Modell ist in der Praxis zwar durchs Band gescheitert, aber in der Aufsicht ist es vorhanden.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Finma?

Die Finma schaut zurecht darauf, dass die Versicherer gewisse Regeln einhalten. Diesbezüglich haben wir mit der Aufsicht keine Probleme. Sie muss ein Gleichgewicht finden zwischen Konsumentenschutz einerseits und Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes andererseits. Das zweite Ziel verfolgt die Finma nicht genügend, dazu gibt es die entsprechenden Vorstösse im Parlament. Die Finma ist zu stark auf der Seite des Konsumentenschutzes.

Der Aktienkurs der Bâloise ist vor zwei Wochen nach der Bekanntgabe der Jahresresultate gefallen, die Investoren hätten wohl lieber eine dicke Sonderdividende statt ein Aktienrückkaufprogramm gesehen. Kann man sagen, der Entscheid für das Rückkaufprogramm passt zur - wie jemand mal schrieb - 'protestantisch-sparsamen' Haltung des Hauses?

Wir sind sehr zufrieden mit dem Jahresergebnis. Wir haben operativ sehr gut gewirtschaftet und hatten ausserordentliche Erträge mit den Verkäufen der Nationale-Suisse-Aktien und der Bâloise-Ländergesellschaft Österreich. Wir sind stolz darauf, dass wir eine der profitabelsten Versicherungsgesellschaften Europas sind. Das ist auch der Grund für den steilen Anstieg der Bâloise-Aktien in letzter Zeit. Wir haben die Dividende auf fünf Franken erhöht. Mit dem Aktienrückkaufprogramm lassen wir die Aktionäre längerfristig am Erfolg teilhaben. Es ist oft schwierig, die Reaktion des Aktienmarktes zu erklären. Es gibt natürlich Leute, die sich mehr erhoffen. Aber man kann nicht allen Erwartungen gerecht werden. Wir fällen unsere Entscheide in Sachen Ausschüttung übrigens im Dialog mit unseren langjährigen Aktionären. Die Bâloise verfolgt schon seit vielen Jahren eine sehr nachhaltige und attraktive Ausschüttungspolitik.

Bei einer Sonderdividende wäre das Geld definitiv bei den Aktionären, ein Aktienrückkaufprogramm können sie steuern oder gar stoppen...

Letzteres ist natürlich in keiner Art und Weise in Planung. Ein Aktienrückkaufprogramm hat einen anderen Zweck als eine Sonderdividende. Diese hat der Aktionär nach Auszahlung in einem Monat vergessen. Er erinnert sich spätestens nach einem Jahr wieder daran, falls eine Sonderdividende fehlt. Dann sprechen Aktionäre jeweils von 'Dividenden senken'.

Operativ sehr gut gearbeitet, das Geschäft auf die Länder Belgien, Luxemburg, Deutschland und die profitable Schweiz verschlankt. Fast könnte man sagen, Bâloise habe nun so etwas wie einen Peak erreicht?

Ich bin der Meinung, wir befinden uns nicht auf einem endgültigen Gipfel. Wir werden uns im Rahmen des Marktes weiterentwickeln, wir sind eine solide, rentable Firma. Ich bin überzeugt, unser Aktienkurs wird weiter steigen, und zwar mehr als der Markt.

Ist die Strategie mit den zwei Schienen, Leben-Versicherung und Nicht-Leben-Versicherung, bei der Bâloise in Stein gemeisselt? Gerade im Lebengeschäft könnte sich die derzeit noch komfortable Situation angesichts eines lange anhaltenden Tiefzinsumfelds ändern.

Wir sind als Allbranchenversicherer strategisch gut unterwegs. Wir sind in vier hervorragenden Märkten tätig. Wir wollen innerhalb dieser Länder organisch wachsen. Wenn sich eine anorganische Gelegenheit ergibt, zum Beispiel in Belgien oder Luxemburg, dann sind wir nicht abgeneigt, uns das anzuschauen. Es muss aber sowohl vom Portefeuille wie von den Kosten her stimmen.

Mit dem Verkauf der Ländergesellschaften Kroatien und Österreich hat Bâloise einen geografischen Schrumpfungsprozess hinter sich. Könnte Bâloise einmal in neue europäische Länder vordringen?

Allein geografisch wachsen zu wollen nur um der Grösse willen, das kann kein Ziel sein. Die Profitabilität steht über allem.

Damit haben Sie die Frage nicht beantwortet.

Wir schauen uns die Märkte natürlich an. Das Wachstum soll in den vier Ländern, in denen wir tätig sind, primär organisch erfolgen. Wir haben nicht im Sinn, ausserhalb dieser vier Länder zu wachsen.

Sie haben mit der Bâloise Bank Soba als einziger Versicherer noch ein Relikt aus den Zeiten der Allfinanzstrategie…

(unterbricht) Allfinanzstrategie heisst: Es werden aus der gleichen Hand mit den gleichen Vertretern alle Versicherungen und Bankdienstleistungen angeboten. Diese Strategie ist in der Schweiz durchs Band gescheitert. Unsere Soba ist kein Relikt aus dieser Zeit. Dazu muss man die Geschichte kennen: Die Solothurner Kantonalbank geriet vor 20 Jahren in Schwierigkeiten und wurde vom damaligen Schweizerischen Bankverein übernommen. Dieser verkaufte dann aus kartellrechtlichen Gründen die Bank an uns. Wir haben also eine Bank als Tochtergesellschaft, welche auch interne Dienstleistungen, zum Beispiel Hypotheken, erbringt. Wir haben intern in der Schweiz auch eine hohe Wiederanlagequote. Wenn ein Kunde zum Beispiel von uns eine Lebensversicherung ausbezahlt erhält, muss er nicht lange überlegen, wo er mit dem Geld hin soll. Wenn Sie die Geschäftszahlen der Soba anschauen, müssen Sie sagen: Die sind spitze. 

Eigentlich wollte ich fragen, wie lange Bâloise an der Soba festhalten will. Nun müsste ich wohl eher fragen, ob Sie dieses Bankengeschäft noch ausbauen wollen.

Wie gesagt: Wir wollen in der Gruppe grundsätzlich organisch wachsen. Falls aber etwas zu unserem Modell passen sollte und falls der Preis stimmt, dann könnten wir ausbauen. Es müsste aber zur Bank Soba passen.

Welche Veränderungen bringt der Zusammenschluss von Helvetia mit Nationale Suisse für die Bâloise?

Für uns ändert sich nichts. Ob die beiden Gesellschaften nun stärker sind, ob sie auch stärker mit sich selber beschäftigt sind, muss die Zukunft zeigen.

Generali, Axa, Allianz. Viele ausländische Versicherer sind in den Schweizer Markt eingetreten. Kommen noch weitere dazu?

Jedes Land hat einen anderen Versicherungsmarkt. Das heisst, es ist nicht einfach, in einen neuen Markt einzutreten. Selbstverständlich können Versicherer ihre Dienstleistungen in der Schweiz anbieten, sie unterstehen dann aber auch der Aufsicht der Finma.

Gerade die Bâloise ist ja ein permanentes potentielles Übernahmeziel…

Ach ja? Das ist aber neu… (schmunzelt)

Das ist nicht neu. Sie haben das offenste Aktionariat der kotierten Schweizer Versicherer, es gab ja schon Versuche, die Bâloise zu übernehmen.

Als der erste Angriff auf die Bâloise 1987 lanciert wurde, war ich gerade Generalsekretär der Gesellschaft geworden. Ich bin noch heute überzeugt, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, der richtige ist. Man muss eben zeigen, dass man es alleine besser machen kann. Übrigens hatte Nationale Suisse Ankeraktionäre, und man hat gesehen, wie es herausgekommen ist. Man kann im Prinzip jede Firma angreifen. Ob es zum Erfolg führt, steht auf einem anderen Blatt. Kurz: Ich habe derzeit keine Anzeichen dafür, dass wir Übernahmekandidat sind. Wir sind sicher ein attraktives Unternehmen, aber keine Braut für eine Übernahme.

Wie verändert das Tiefzinsniveau den Schweizer Versicherungsmarkt?

Die Produkte werden sich sicher verändern. Auf Unternehmensebene ist die Lage in der Schweiz relativ stabil. In Deutschland dagegen redet die Aufsicht davon, dass gewisse Leben-Versicherer in Schwierigkeiten geraten könnten. Wir selber stehen in Deutschland gut da.

Branchenfremde Player aus der Internetbranche wie Google wollen Banken und Versicherer konkurrieren. Wie reagieren Sie darauf? Haben Sie eine Digitalstrategie?

Es wird auch in unserer Branche eine Verschiebung in Richtung Digitalisierung geben. Wir beobachten die Trends sehr genau und setzen sie auch um. Bei uns geht darum, die digitalen Aspekte besser für positive Kundenerlebnisse nutzen können. Es braucht aber noch einige Jahre, bis der Kunde wirklich alles machen will, was ihm digital angeboten wird. Und ich frage mich, ob bei einer Lebensversicherung der digitale Abschluss jemals die richtige Form sein wird.

Sie waren lange Generalsekretär der Bâloise, Sie sind seit 1999 im Verwaltungsrat, seit einigen Jahren als Präsident. Denken Sie an einen Rücktritt?

Ich fühle mich fit, ich habe Freude an der Arbeit, ich habe ein gutes Team, die Firma ist erfolgreich. Von daher stelle ich mir die Frage eines Rücktritts nicht.

Der promovierte Jurist Andreas Burckhardt (geboren 1951) ist seit 1999 Verwaltungsrat der Bâloise und seit 2011 Präsident des Aufsichtsgremiums. Bis 1994 war er Generalsekretär des Basler Versicherers und danach bis 2011 Direktor der Handelskammer beider Basel. Burckhardt, im Militär Oberst, war 30 Jahre in der Basler Politik tätig, davon zwischen 1997 und 2011 als Vertreter der LDP im Basler Grossen Rat. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.